Die Zeitschrift „ Publik-Forum; Zeitschrift für kritische Christen“ 18/2008 enthält das Schwerpunktthema
„Geist, Gott und Gehirn – Was läßt sich von der Hirnforschung lernen?“
Teil dieses Schwerpunktes ist ein Interview mit dem Neurowissenschaftler und Lernforscher Prof. Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Das Interview ist eine besonnene und sachliche Aufklärung für alle, die an Fakten und solider Interpretation interessiert sind.
Das Interview beschäftigt sich mit folgenden Problemen:
- Was sagen Hirnscans aus?
- Welches Menschenbild liegt dem Mainstream der aktuellen Hirnforschung zugrunde und wo liegen die Schwächen dieses Menschenbildes.
- Wie kann man sich die Verbindung von Geist und Materie vorstellen?
- Kurze Kritik an Dawkins „Gotteswahn“
- Der Unsinn von Neurotheologie und Neuropädagogik
- Das Libetexperiment und das Problem menschlicher Freiheit
Konsequenzen für die Gesellschaft - Kritische Frage an Theologen
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlages stelle ich die Textfassung des Interview hier ein:
„Wir lesen keine Gedanken“
Wie entsteht Geistiges aus Materie? Was kann die Hirnforschung verantwortet sagen?
Fragen an den Neurowissenschaftler und Lernforscher Henning Scheich
Von Erwin Koller und Wolf Südbeck-Baur
Publik-Forum: Herr Professor Scheich, kann man lernen, religiös zu sein?
Henning Scheich:
Diese Frage höre ich zum ersten Mal. Wenn Sie mich das als Neurowissenschaftler und Lernforscher fragen, dann müsste ich erst einmal darlegen, wie die Hirnforschung arbeitet.
Publik-Forum: Bitte, erklären Sie uns, was Sie im Gehirn eines Menschen beobachten können.
Scheich: Ich kann zuschauen, wie jemand nach Instruktionen etwas Bestimmtes macht, beispielsweise einen Knopf drückt.
Die beobachteten Phanomene im Gehirn lassen sich sehr gut lokalisieren, sie jedoch zu interpretieren ist kompliziert und oftmals vieldeutig. Wir sehen bei Kernspintomografien nicht einmal direkt die Aktvitäten der Neuronen, sondern messen den Sauerstoffverbrauch an jeder Stelle des Gehirns und definieren dadurch, welche Typen von Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedankentätigkeiten wo Aktivitäten erzeugen.
Pubik-Forum: Können Sie davon ablesen, was der Mensch denkt und fühlt?
Scheich: Nein, nur grob, womit er sich beschäftigt, aber nicht, was er darüber denkt, und welche Emotionen genau im Spiel sind. Die Neurowissenschaften erwecken bei vielen Menschen die Intuition, dass wir den Spalt, wie aus Materie Geistiges entsteht, überspringen können. Das ist möglicherweise auch so. Doch allein mit den harten mechanistischen Daten, die diese lntuition wachrufen, schießen viele über das Ziel hinaus. Denn die materialistische Denkweise misst allem, was mit Materie und ihren messbaren Prozessen zu tun hat einen höheren Realitätswert bei als ihrer geistigen Kehrseite, die persönliche Bewertungen enthält.
Publik-Forum: Steht hinter der Neurowissenschaft ein mechanistisches Menschenbild?
Scheich: Auf jeden Fall. Aus der Hirnforschung allein entsteht zwangsläufig ein mechanistisches Menschenbild. Deswegen ist aber ein auf eigenem Bewusstsein und geistiger Reflexion beruhendes Menschenbild nicht weniger wert. Es lebt nur von einer anderen Phänomenologie. Die Attraktivtät der Hirnforschung liegt darin, dass wir uns mit Mechanismen beschäftigen die offenkundig mit geistigen Phänomenen zusammenhängen. Wie genau, das wissen wir noch nicht.
Publik-Forum: Ist das Erklärungspotenzial der Neurowissenschaft der Grund für ihren Anspruch Leitwissenschaft zu sein?
Scheich: Nein, die Hirnforschung ist Ansatzpunkt für sehr viele Disziplinen. Das menschliche Gehirn ist höchstwahrscheinlich das komplexeste System im Universum, es kann im geistigen Sinn das gesamte Universum umfassen. Es kann alles in irgendeiner Weise bearbeiten und auch ein ganzes Leben speichern. Das ist eine faszinierende Sache, die in fast allen naturwissenschaftlichen Disziplinen erforscht werden kann. Chemie, Molekularbiologie, Anatomie, Physiologie, theoretische Physik, Informatik, Mathematik: Alle können an dieser komplexen Maschine Gehirn ihren Ansatz finden. Und was fasziniert, hat Sogwirkung.
Publik-Forum: Sie bleiben skeptisch?
Scheich: Ja, denn die Hirnforschung kann diesen Anspruch möglicherweise gar nicht voll erfüllen. Hinter der Vorstellung, für alles Erklärungen zu finden, steht eine Hoffnung, die die Hirnforschung selbst nährt, dass wir dem Problem, warum aus Materie Geistiges entsteht, ein wesentliches Stück näherkommen. Doch das können wir so wenig verstehen wie die Feststellung, dass das Licht gleichzeitig eine Quanten- und eine Wellennatur hat.
Publik-Forum: Was kann denn die Hirnforschung leisten?
Scheich: Eine mechanistische Aufklärung darüber, welche materiellen Bedingungen, im Gehirn erfüllt sein müssen, damit Geistiges entsteht. An diese Frage gehen die Geisteswissenschaftler umgekehrt mit der Selbstbetrachtung des Geistes heran. Wir Hirnforscher legen den Fokus auf die Mechanismen, die zu dieser Selbstbetrachtung führen Und da entdecken wir – vorsichtig formuliert – Parallelen. Die Geistigkeit, angefangen bei simplen Gefühlen und Wahrnehmungen, hat Strukturen, über die wir auch philosophisch sehr viel wissen. Welches sind die unterscheidenden, ordnenden und logischen Werkzeuge von Wahrnehmen und Denken? Was können wir überhaupt denken? Die Resultate dieser philosophischen Selbstreflexion versuchen wir in Beziehung zu setzen zu dem, was wir an materiellen, physiologischen Phänomenen vorfinden. Dabei tauchen interessante Parallelen auf, die wir Isomorphien nennen. Die Struktur des physiologischen Prozesses bei einer abstrakten Unterscheidung, etwa von Apfeln und Birnen, ist nach unseren Ergebnissen dem geistigen Prozess, der dabei erzeugt wird analog.
Publik-Forum: Aber die Philosophie hat doch die These, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert überwunden. Ist die Neurowissenschaft dahinter zurückgefallen?
Scheich: Nicht ganz, denn ich mache einen Schritt nicht mit: Das Geistige ist mit dem Materiellen nicht gleichzusetzen, sondern ein Phänomen eigener Art.
Publik-Forum: Auf welche Weise entspricht denn das Geistige dem Materiellen?
Scheich: Persönlich bin ich überzeugt, dass die Konstruktion der Nervenzelle – mit einer elektrischen Trennung von Innen und Außen sowie einer Trennung von vielen Informationen, die sie von anderen Nervenzellen empfängt und wenigen, die sie weitergibt – die Grundvoraussetzung für das ist, was sie in ihrem Inneren selbst erzeugt: zunächst primitive Arten von Empfindung. Und alle geistigen Phanomene, angefangen von Gefühlsempfindungen bis hin zu visuellen, akustischen und gedanklichen Wahrnehmungen, könnten durch Kombinatorik und Kommunikation zwischen sehr vielen Nervenzellen entstehen.
Publik-Forum: Zurück zur Frage, ob man lernen kann, religiös zu sein.
Scheich: Einige Faktoren, auf denen Religiosität beruht sind ohne Zweifel in der Kindheit durch unbewusste Lernvorgänge prägbar. In allen Religionen finden ihre Anhänger eine gewisse Sicherheit und eine nichtkognitive Sinnstiftung durch rituelle Handlungen und deren Wiederholungen. So fühlen sie sich in ihrer Haltung bestärkt und ihrer Gemeinschaft verbunden. Und wer diese Prägungen durchlaufen hat, kommt in seinem Leben nur schwer davon los. Dagegen vermute ich, dass ein Hang zum Mystischen oder zum Glauben an übersinnliche Phänomene anlagebedingt ist.
Publik-Forum: Anlagen sind Ergebnis der Evolution. Religion wäre dann also kein bloßer Wahn, wie etwa der Evolutionsbiologe Richard Dawkins behauptet?
Scheich: Ich grenze mich scharf ab von Dawkins und seinem Buch »Der Gotteswahn«. Dawkins Thesen sind aufgeblasen. Ein intellektuell redlicher Naturwissenschaftler steht dazu, dass der Urknall einen Sprung in der kausalen Argumentationskette der Naturgesetze darstellt. Wir können nicht erklären, wie die Naturgesetze entstanden sind oder was vor ihnen war. Auch die Triebkräfte der Evolution sind in ihrer Richtung naturwissenschaftlich nicht geklärt.
Publik-Forum: Es gibt aber Hirnforscher, die Nonnen und Mönche in Kernspintomografen schieben und meditieren lassen, um ihre Hirnaktivitäten zu messen. Was sagen Sie zu Experimenten dieser Art?
Scheich: Das ist aufgrund des aktuellen Stands der Kenntnisse und Interpretationsmöglichkeiten schlichtweg Unsinn. Sie können für einen religiös-meditativen Zustand bei denselben Leuten kaum eine nichtreligiöse meditative Kontrollsituation herstellen. Solche pseudowissenschaftlichen Experimente sind ins Kraut geschossen und erlauben keine Aussage, ob ein Hirnteil spezifisch beteiligt ist.
Publik-Forum: Dann wäre das behauptete religiöse Zentrum im linken Stirnhirnlappen also ein Hirngespinst?
Scheich: Zumindest tauchen in dieser Region auch Aktivitäten auf, wenn man über einer mathematischen Formel brütet.
Publik-Forum: Und was halten Sie davon, wenn sich Leute wie der Radiologe Andrew Newberg von der University of Pennsylvania Neurotheologen nennen?
Scheich: Das ist Unfug. Wer sich Neurotheologe oder Neuropädagoge nennt, surft einfach auf der neurowissenschaftlichen Welle. Diese Leute wollen sicher nicht nur Schaum schlagen. Aber sie interpretieren neurowissenschaftliche Befunde mit einer gottbegnadeten Naivität.
Publik-Forum: Der Neurowissenschaftler Benjamin Libet stellte 1985 in seinem berühmten Experiment fest, dass der bewusste Entschluss, mit dem Finger auf eine Taste zu drücken, schon hundertstel Sekunden vorher im Hirn vorbereitet wird. Aufgrund dieses Befundes ziehen einige Hirnwissenschaftler die Freiheit des Menschen ernsthaft in Zweifel. Sie auch?
Scheich: Ich halte diese Infragestellung der Freiheit für eine Fehlinterpretation der Libet- Experimente, von methodischen Mängeln ganz abgesehen. In der gebildeten Öffentlichkeit besteht eine gewisse Verwirrung darüber, was im Zusammenhang mit dem freien Willen unter Determinismus zu verstehen ist. Wäre freier Wille nichtdeterministisch, wäre er rein zufällig.
Publik-Forum: Aber Determinismus ist doch ein Widerspruch zur Freiheit!
Scheich: Was zufällig entsteht, kann niemals als freier Wille verstanden werden. Folglich handelt es sich beim freien Willen im physikalischen Sinn immer um Determinismus. Meine Definition lautet: Freier Wille ist ein deterministisches System, das die Möglichkeit hat, nicht dem Bauchgefühl zu folgen, sondern unter Heranziehung von bewerteten Gründen und Gegengründen eine Entscheidung zu fällen oder zu revidieren.
Publik-Forum: Wie muss ich eine freie Entscheidung unter deterministischen Vorzeichen verstehen?
Scheich: Unser Nervensystem ist so organisiert, dass unser Gehirn uns massenhaft unbewusste Angebote macht zumeist aus eigenen früheren Erfahrungen. Wenn wir uns entscheiden müssen, auf einen Knopf zu drücken, reagieren wir meist intuitiv, da wir nicht gewohnt sind, über diesen Fingerdruck groß nachzudenken. Das Experiment verlangt anhand einer Uhr ausschließlich Konzentration auf das Wann der motorischen Entscheidung, das Wie ist vorprogrammiert.
Publik-Forum: Kürzlich wurde das Libet-Experiment etwas variiert. Zu welchen Resultatenführte das?
Scheich: Wissenschaftler in Leipzig ließen die Testperson entscheiden, ob sie mit der rechten oder mit der linken Hand auf einen Knopf drückt. Dabei wurden im Kernspintomografen die Aktivitäten im rechten Hirnlappen beobachtet, der die linke Händ steuert und jene im linken Hirnlappen, der die rechte Hand steuert. Resultat: Bereits zehn Sekunden, bevor die Testpersonen rechts oder links drücken, entdeckten die Hirnforscher in der die Hand steuernden Hemisphäre ein Signal, allerdings nur in sechzig Prozent der Fälle.
Publik-Forum: Wie deuten Sie das Versuchsergebnis ?
Scheich: Entscheidend ist, dass tief im Inneren unseres Gehirns ein Angebot gemacht wird, ohne dass es uns bewusst wird, etwa: »Drück doch mal rechts.« Der linke Cortex bereitet die Ausführung dieses Angebots schon vor. Bei diesem Experiment kann die Testperson ja auch nicht bewusst über eine Alternativentscheidung nachdenken und Gründe und Gegengründe für rechts oder links evaluieren, weil sie sich voll auf den Zeitpunkt des eigenen Startsignals konzentrieren muss, um ihn anschließend angeben zu können. Die Handlungsmöglichkeiten sind vorgefertigt, die Entscheidung fällt fast reflexartig, und in vielen Fällen setzt sich die Intuition des Anfangs durch.
Publik-Forum: Aber die Entscheidung, jemanden zu heiraten, beruht auf einer komplexeren Freiheit!
Scheich: Gewiss, obwohl manche auch da nicht lange überlegen. Es scheint, dass die initiale Intuition auf viele Lebenslagen anwendbar ist und sich durchsetzt. Im Blick auf die Freiheit belegt das aber nichts. Denn diese Prozesse beweisen nicht, dass es im Fall einer Wahlmöglichkeit unmöglich ist, vorher zu begründen, warum man etwas tut oder nicht tut.
Publik-Forum: Warum finden denn die Zweifel an der Freiheit in der Öffentlichkeit so viel Resonanz?
Scheich: Zunächst mal kennen die Leute die neurowissenschaftlichen Experimente und ihre Versuchsanordnung nicht. Sie folgen blind der Diktion, dass das Libet- Experiment angeblich etwas über die Willensfreiheit aussagt. Die Tragweite solcher wissenschaftlicher Aussagen kann nur ein Fachmann interpretieren. Von da her ist mir rätselhaft, warum die Kollegen Wolf Singer und Gerhard Roth diese Schlussfolgerungen in der Öffentlichkeit verbreiten. Ihre Folgerungen sind löchrig.
Publik-Forum: Inwiefern?
Scheich: Philosophisch argumentiert scheinen sie implizit anzunehmen, dass ihre Zweifel an der Willensfreiheit nur den nichtfreien Willen aller anderen betreffen, ihren eigenen aber nicht. Ein altes philosophisches Paradox: Warum soll man dem trauen, der sagt: »Alle Menschen sind Lügner? Eine Aussage dieser Art ist so wenig auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprütqar wie die Aussage: „Ich habe keinen freien Willen.“
Publik-Forum: Die Konsequenzen bezüglich unserer Verantwortung wären aber fatal.
Scheich: Bezüglich der Verantwortung des Einzelnen ja, doch an unserem System würde sich nichts ändern. Wenn jemand aus freien Stücken ein Verbrechen begeht, ein Polizist ihn aus freiem Willen verfolgt, fasst und dem Richter überstellt und der ihn aus freiem Willen verurteilt, spielen dieselben Abhängigkeiten mit, wie wenn der Missetäter das Verbrechen nicht aus freiem Willen begeht der Polizist ihn nicht aus freiem Willen dem Richter übergibt und dieser ihn nicht aus freien Stücken verurteilt. Nur sind diese Abhängigkeiten nicht an der Freiheit des Einzelnen aufgehängt.
Publik-Forum: Damit werfen Sie den Ball den Ethikern zu. Welche Fragen haben Sie an die Theologen?
Scheich: Ich würde mir von Theologen wünschen, dass sie das Problem des persönlichen Gottes besser definieren. Das hat insofern mit der Neurowissenschaft zu tun, als sie alle anderen Konstrukte des Unfassbaren und Nichterklärbaren inklusive aller geistigen Phänomene nach und nach naturwissenschaftlich aufrollt, bis an den Punkt wo der genannte Sprung von der Materie zum Geist passiert. Die Neurowissenschaft wird den Urgrund und das, was Religion ausmacht, mit der Zeit auf bestimmte Hirnmechanismen zurückführen, davon bin ich überzeugt. Aber das Evidenzerlebnis eines persönlichen Gottes, der sich um einen kümmert unabhängig davon, wie viel Grässliches in dieser Welt passiert, ist ein Paradox. Denn wenn immer und überall ein Gott persönlich eingreifen würde, geriete die Welt aus den Fugen, weil kein Naturgesetz mehr funktionieren würde. Wie dieses Paradox gesehen und aufgelöst werden könnte, darüber würde ich mich gern mit Theologen unterhalten.
