Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex’,
Mach Sieben und Acht,
So ist´s vollbracht:
…
Oh, welch ein Bild von einem Kerl! Kraftstrotzend kommt der starke Naturalismus daher. Auf seiner Brust prunkt der Satz:
Der Kosmos ist alles – und alles Wesentliche über ihn sagen die Naturwissenschaften!
Neben ihm geht sein filigraner Bruder, der sich selbst schwacher Naturalismus nennt, der aber in Wirklichkeit stärker ist als sein grobschlächtiges Pendant.
Sein Credo ist:
Es mag weitere Universen geben, Gott, Transzendens oder Platonische Ideen, darüber will ich nicht spekulieren; aber in diesem Kosmos bestimmen die natürlichen Fakten alles.
Fortwährend murmelt er: Es geht alles mit rechten Dingen zu, es geht alles mit rechten Dingen zu, es geht…
Sehen wir uns nun die beiden Brüder etwas genauer an, klopfen wir sie ab, kratzen an ihrer Oberfläche.
Was sagen sie zu folgenden Fragen:
Woher kommt dieses Universum? Wozu dieses Universum? Wozu Lebewesen? Was sollen wir tuen? Woher kommen die Naturgesetze? Wie kommt es, daß Mathematik auf die Natur paßt?
Halt,halt, das sind keine sinnvollen Fragen, rufen beide.
Dieses Universum ist! Es ist ein factum brutum, also laß die dummen Fragen!
Gut,gut, lassen wir das.
Aber was ist mit so merkwürdigen Phänomenen, daß aus einfachen Dingen etwas Neues entsteht? Wie erklärt sich, daß aus den Gasen Wasserstoff und Sauerstoff flüssiges Wasser mit ganz neuen Eigenschaften entsteht. Da strahlen die beiden Brüder. Sie loben die Genauigkeit meiner Beobachtung und die Klugheit der Fragestellung. Und gönnerhaft belehren sie mich, daß das nur vorderhand etwas Neues sei was man mit Emergenz bezeichne. Wenn ich jedoch, wie sie, alles über Wasserstoff und Sauerstoff wüßte, so wäre es vollkommen einsichtigt, daß Wasser die ihm eigenen Eigenschaften habe und es würde auch mir gelingen, aus den Eigenschaften von Wasserstoff und Sauerstoff die des Wassers vorher zu sagen. Das schien mir einleuchtend. Und im Brustton der Überzeugung verkündete der stärkere der beiden Brüder sein Credo, daß letztlich alles auf die einfacheren, niedrigeren Dinge reduzierbar sei, wenn man nur alles über die Sache wüßte.
Ich bedankte mich artig und dachte, sie werden mir vielleicht noch ein anderes Rätsel lösen und so fragte ich sie, was denn ein Gedanke oder eine Empfindung sei.
Nun brach es hektisch und vielstimmig aus dem Starken heraus. Eine Stimme behauptete, die fraglichen Gegenstände wären in Wirklichkeit keine, sie wären aufgesetzte Phänomene, Illusionen und für das, was ein Mensch tue, völlig bedeutungslos. Auf Nervenzellen wirkten nur andere Nervenzellen elektrisch und chemisch ein. Da sei kein Platz für die Wirkung eines Gefühls oder eines Gedankens, was beweise, daß diese Gegenstände wirkungslos seien. Eine andere Stimme behauptete der Gedanke und die elektrochemische Prozesse im Gehirns seien ein und dasselbe; wir benutzten nur verschiedene Bezeichnungen, so wie man Wasser einmal H2O nennt, ein anderes mal halt Wasser. Eine weitere Stimme aus dem Starken, die sich als Behaviorismus zu erkennen gab, bestritt sogar die Existenz der Phänomene; sie wies darauf hin, daß man eh nur das Verhalten von Menschen beobachten könne, ihr Zappeln und Zucken, und keine Empfindungen oder Gedanken. Wieder eine andere gab als Erklärung, man wüßte es zur Zeit noch nicht, aber es sei absolut sicher, daß man diese Gegenstände ganz einfach auf die elektrischen und chemischen Eigenschaften der Nervenzellen zurückführen könne.
So wogte ein Stimmengewirr hin und her. Ich stand ratlos da, denn überzeugend war das alles nicht.
Die Auskunft des Schwachen war nicht weniger erstaunlich. Er meinte, bei den Gedanken und Empfindungen handele es sich um eine starke Form von Emergenz, die nicht alleine durch die Funktionsprinzipien von Nervenzellen und Nervennetze erklärt werden könne. Er meinte, daß durch Erfahrung Nervennetze individuell verändert werden können, auch Gedanken könnten so etwas bewerkstelligen. Ein Gehirn, das den Satz des Pythagoras gelernt habe, sei anders als ein solches ohne diesen Satz. Bestimmte Nervenendigungen seien im Vergleich zum Anfangszustand vielleicht vergrößert und bestimmte elektrische Aktivitäten dadurch anders als vorher.
Nun gut, erwiderte ich, aber der Satz des Pythagoras ist weder eine verdickte Nervenendigung noch ein verändertes elektrisches Feuerwerk.
Darin gab er mir Recht. Eine Lösung könnte sein und dabei zwinkerte er mir mit einem schrägen Blick auf den Starken zu, daß die Vorstellungen des Starken vielleicht unvollständig sind. Er meinte, daß es in der Natur überall so etwas wie psychische Teilchen gebe, die sich, wenn geeignete biologischen Bedingungen, z.B. menschliche oder tierliche Nervensysteme, gegeben sind, als Empfindungsfähigkeit und Denkfähigkeit zeigten. Er meinte es wäre ähnlich einer bestimmten Melodie, die man ja auch nicht auf jedem Instrument spielen könne. Und als der Starke ihn ärgerlich ansah, fügte er schnell hinzu, es sei ja nicht einzusehen, daß mit den gestrigen und heutigen Erkenntnissen über die Natur schon alle Phänomene erklärbar seien. Schließlich sei der Satz des Pythagoras ein geistiges, nichtmaterielles Etwas, das man doch nicht mit der Konzentration einer Nervenflüssigkeit oder ähnlichem gleichsetzen könne.
Beide gerieten daraufhin in einen heftigen Streit.
Dennoch, ich bewundere den Naturalismus, obwohl manche Erklärungen wohl auf einem Prokrustesbett entstanden sind. Ich ging meiner Wege und dachte bei mir, wie erstaunlich es doch ist, daß die Natur so voll geistiger Phänomenen ist, wie sie Pythagoras Satz oder die Kepplerschen Gesetze oder die Entdeckungen des Galilei und der vielen anderen darstellen.
Zum
Physikalismus/Materialismus: Ansgar Beckermann; Ein Argument für den Physikalismus in Keil/Schnädelbach (Hg) Naturalismus
Epiphänomenalismus: Hans Jonas; Macht und Ohnmacht der Individualität; Suhrkamp
Panpsychismus: Bernhard Rensch; Homo Sapiens – Vom Tier zum Halbgott; Vandenhoeck&Ruprecht
Mutschler, H.D. Verschiedene Vorträge zur Naturphilosophie im Forum Grenzfragen
G Brüntrup Die Herausforderung der Naturalismus, ebenfalls im Forum Grenfragen

Schonmal einen Blick in ein Lehrbuch der Psychologie geworfen?
Die Antwort „Gott“ hat’s gemacht ist redundant. Es erklärt nichts. Null. Vor allem weil auch nicht geklärt ist, was diesen übernatürlichen Mann gemacht hat. Wenn Du sagst, der hat sich selbst gemacht oder war schon immer da. Was weißt Du dann mehr als ein Naturalist? Der sagt im Prinzip fast(!), das gleiche wie DU – er weiß nicht, wie das Weltall entstand – mit einem Unterschied: ER hat die Naturwissenschaften um diesem Problem auf den Grund zu gehen. Er hat Fakten und Methoden. Du dagegen stocherst im Trüben.
Du hast nur den blinden Glauben gegen jeden Beweis.
Viel Spaß damit!
)
Dein Kommentar erinnert mich an Don Quichotes Kampf gegen die Windmühlen. – Doch wo Du Riesen vermutest sind nur ganz einfach Windmühlen.
Sapere aude!