Dieser Text bezieht sich auf den Aufsatz von Thomas Schärtl:
Der neue Atheismus,
zu finden in „Stimmen der Zeit“ (Der Artikel steht leider nicht mehr zur Verfügung.)
Der Artikel ist lesenswert, für alle, denen es um mehr als Propaganda und ein Gefühl, im wahren Glauben zu sein, geht.
Th. Schärtl unterscheidet in seinem Aufsatz drei Formen von Atheismus:
a) Den argumentative Atheismus
b) Den kulturellen Atheismus
c) Den denunziatorischen Atheismus
zu I.
Bei dieser Form des Atheismus stehen Begründungsfragen im Vordergrund. Es geht unaufgeregt um den Sinn und den Wahrheitsgehalt theistischer Aussagen. Für die Theisten ist und war dieser Atheismus sehr fruchtbar, waren sie doch gezwungen über ihre eigene Begrifflichkeit nachzudenken. Mir scheinen solche Atheisten als die domini canis, die Hunde des Herrn, die Theisten auf die Gedankensprünge helfen. Das Gespräch mit diesem Atheismus kann interessant und fruchtbar sein.
zu II.
Als subtiler Atheismus wird der kulturelle bezeichnet, da er argumentativ kaum zu fassen ist. Diese Form von Atheismus sucht „das Christentum als kulturprägende Kraft zu vertrieben oder zu ersetzen“. Als spektakuläres Beispiel gibt Schärtl die Verwendung des Abendmahlbildes von Leonardo da Vinci in der Werbung an. Dieses Bild, in dem Jesus flankiert von seinen Jüngern dargestellt ist, wurde so verändert, daß es um Jeanswerbung bzw. um Werbung für Schokoladen-Osterhasen. Was geschieht durch diese veränderte Darstellung?
Dazu Schärtl:
„Es … [zeigt, lsp], daß der symbolisch verschlüsselte Transzendenzbezug, der aus dem Kanon christlicher Zeichen und Bilder spricht, durch einen anderen Bezug ersetzt wird: Aus der christlichen Hingabe des Lebens wird die hedonistische Hingabe reiner Leiblichkeit, die sich in die Schönheitsversessenheit der Gegenwartskultur vollkommen eingefügt hat.“
Durch solche Um-etiketierung wird ein anderes Weltbild transportiert.
Dieses Phänomen scheint mir jedoch eine spezielles Beispiel dafür zu sein, daß die CocaColaisierung sich aller Lebens- und Kulturbereiche bemächtigt. Es ist wie einst beim legendären König Midas, dem alles, was er berührte zu Gold wurde. So wird jeder Wert durch die Berührung mit diesem Ökonomismus zu einem Preis. Midas starb schließlich, weil er Gold nicht essen konnte – ein böses Vorzeichen für einen enthemmten Kapitalismus. In der sogenannten Tabuwerbung werden nahezu alle Bereiche des Menschlichen vermarktet. Ein besonders abstossendes Beispiel ist die Vermarktung menschlichen Leidens (z.B.).
zu III.
Dieser denunziatorische Atheismus ist im Kern so fundamentalistisch wie sein Widerpart, der religiöse Fundamentalismus. Don Camillo und Pepone lassen grüßen, aber es ist zuviel Galle und wenig Gelassenheit im Spiel, deswegen ist es auch weniger amüsant.
Dazu sagt Schärtl
„Dieser denunziatorische Atheismus ist von Haus aus rassistisch, weil er im wesentlichen besagt, daß alle Menschen, die religiös sind, im Grunde dumm, unmoralisch oder armselige Persönlichkeiten sind. Die aufsehenerregenden Bücher von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens gehören in diese Kategorie. Es handelt sich hierbei um Kampfansagen, massive Attacken, die nichts weniger wollen, als Religion die gesellschaftliche (und kulturelle) Anerkennung zu verweigern. Die fundamentalistischen oder radikal-orthodoxen Spielarten von Religion in Christentum, Islam und Judentum liefern dabei die Munition für die atheistische Kulturrevolution.„
Schärtl beschreibt im weiteren die Positionen und Aussagen Dawkins, die von Begründungsfragen bis zu denunziatorischen Attacken auf Religion und Gläubige.
a) „Für Dawkins steht von vornherein fest, daß Religion kein Bleiberecht in der menschlichen Kultur hat;
b) Der Glaube an Gott repräsentiere ein infantiles Stadium
c)Der Glaube an Gott sei nicht nur keine Stütze eines wachen moralischen Bewußtseins, sondern sein glattes Gegenteil: die Ursache für die Stilisierung und Konservierung moralischer Verbogen- und Verkommenheit, seelischer Verkümmerung und Verkrümmung
d)Nicht Atheisten, sondern Theisten sind, wenn nicht moralisch verkommen, so doch auf jeden Fall geistig und seelisch zurückgeblieben, infantil oder sogar dumm.“
Schärtl wirft die Frage auf, wer eigentlich bestimmt, was Christentum ist. Er weist darauf hin, daß der Gott, den Dawkins und auch Hitchens beschreiben, eigentlich ein „Witzfigur“ ist. Das mag der Grund dafür sein, daß Dawkins und Hitchens Bücher hier in Europa bei weitem weniger aufgeregte Diskussionen ausgelöst haben, während sie bei amerikanischen Evangelikalen einen Kulturkampf in der Art einer „Sprache der geballten Faust“ hervorgerufen haben.
Der Fundamentalismusvorwurf gegenüber Dawkins wird so begründet:
„Alister McGrath und Keith Ward (1) haben offengelegt, daß Dawkins und, mutatis mutandis, auch Hitchens fundamentalistisch argumentieren. Sie verweigern der Religion gerade das, was beide für ihre eigene Position so vehement einklagen: den Zutritt zum Forum der Vernunft und damit die Möglichkeit einer differenzierten Analyse. Dawkins und Hitchens agieren fundamentalistisch, weil sie sich permanent weigern zuzugestehen, daß es auch eine nichtfundamentalistische Version von Religion, des Christentums insonderheit, gibt.“
Nun, Hitchens ist Journalist und als solcher vielleicht darauf geprägt, einer bestimmten Klientel nach dem Mund zu reden; Dawkins aber, ein englischer Professor und brillanter Biologe, – jedoch: „Auch das Beste dieser Art ist nur ein Schattenspiel“ (Theseus, Sommernachtstraum)
1) Beide sind Professorenkollegen von Dawkins in Oxford

Nun fehlt noch „der Zeitvertreib-Atheismus“. Seit Kant steht fest, dass diese Frage sich nicht verbindlich lösen lässt. Sie wird daher zu einer psychisch bedingten Option. Man kann mit ganz gleich wem über ganz gleich was schwatzen und ihn nach einem Viertelstündchen ziemlich sicher einstufen nach Schulung, politischer Richtung, relgiöser Grundvorstellung.
Man lernt dies vor allem, wenn man ein paar Jahre lang täglich im Zug von Luzern nach Zürich fahrt.
Es geht ja auch nicht um verbindliche Entscheidungen pro oder contra. Der Artikel von Schärtl stellt ja in erster Linie eine psychologisch – soziologische Untersuchung dar, in der u.a. deutlich wird, daß es sehr wohl einen fundamentalistischen Atheismus gibt, der doch das widerlegt, was er immer behauptet, das nämlich Intoleranz und Dogmatismus Eigenschaften Religionen sind.
Dawkins muss in Amerika auch noch viel fundamentalistischer aufgenommen worden sein als es bei uns der Fall ist. Als ich den Gotteswahn gelesen habe, habe ich mich dabei wiedergefunden, ihm in Bezug auf das Verhalten der amerikanischen Fundamentalisten Recht zu geben. Aber das, was im „Bible belt“ passiert hat meiner Ansicht nach auch nichts mit Religion zu tun. Dawkins will dies dann aber gleich auf alle Religion ausweiten. Er agt es zwar, meiner Erinnerung nach nie explizit, aber man spürt es durch und das ist meiner Ansicht nach der Fehler. Aber, so viel kurzweil ich beim lesen auch hatte, er hätte doch alles in allem eher bei seinem Fachgebiet bleiben sollen.