„Wenn er diese Botschaft [die Botschaft der Wissenschaft; lsp] in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muß der Mensch endlich aus seinen tausendjährigen Traum aufwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden und Verbrechen.“ (1)
Diesen an Nietzsche erinnernden Text schrieb der Molekularbiologe Jacques Monod 1970 in seinem Buch „Zufall und Notwendigkeit“. Monod erkennt die Problematik, die durch diese Erkenntnis entsteht und beschreibt die weit verbreitete Aversion der Menschen dieser Sicht gegenüber.
“ Die Absage richtet sich deutlich gegen die wichtigste Botschaft der Wissenschaft. Man fürchtet sich vor dem Sakrileg, vor dem Anschlag auf die Wertvorstellungen. Diese Furcht ist völlig gerechtfertigt. Es ist schon richtig, daß die Wissenschaft die Wertvorstellungen antastet. Nicht direkt zwar, denn sie gibt keine Urteile über sie ab und soll sie auch ignorieren; aber sie zerstört alle mythischen oder philosophischen Ontogenien, auf denen für animistische Traditionen – von den australischen Ureinwohnern bis zu den materialistischen Dialektikern – die Werte, die Moral, die Pflichten, Rechte und Verbote beruhen sollten.“ (1)
Und folgerichtig fragt er:
„Aber wer bestimmt denn was ein Verbrechen ist? Wer benennt das Gute und das Böse? In allen überlieferten Systemen gingen die Ethik und die Wertvorstellungen über die Verstandeskraft des Menschen hinaus. Er war nicht Herr über die Werte. Sie waren ihm aufgezwungen und er war ihnen unterworfen. Nun weiß er, daß sie allein seine Sache sind,…“ (1)
Hierin liegt die Auflösung der „Alten Bundes“, das ist das Sakrileg, von dem oben die Rede war. In dem der Mensch sich vom Guten, Schönen, Wahren abgewandt hat, schlüpft er in die Rolle des Zauberlehrlings. Nun bestimmt er selbst, was gut und böse ist, in der Überzeugung, das es nichts und niemand gibt, vor dem er sich letztendlich verantworten muß. Monod sieht klar, daß die Naturwissenschaften und damit auch der Naturalismus keine Lösung der Wertfrage leisten kann. Für den Naturalismus, für den sich die Welt ausschließlich als ein kausales Geschehen darbietet, ist nicht zu unterscheiden, was ein Verhalten Hitlers von dem eines Franz von Assisi unterscheidet. Dazu der Philosoph Vittorio Hösle:
„Nun könnte es durchaus sein, daß ethische Fragen „was ist gut?“, „was soll ich tun?“ sinnlos wären …jedenfalls sind [sie;lsp] nicht kausalwissenschaftlicher Natur. Fairerweise müßte [ein konsequenter Vertreter des Naturalismus; lsp] dann zwar zugeben, daß eine naturalistische Begründung der Ethik nicht möglich sei. Aber man müßte dann zugleich einräumen, daß es überhaupt keine rationale Begründung geben könnte – daß der Gedanke an Verbindlichkeiten, die faktischen Machtverhältnisse überschreiten, eine Illusion sei.“ (2)
Welche ethische Situation hätte man in Europa, wenn Hitler und seine Gesinnungsgenossen gesiegt hätten?
„Diese nihilistische Aussage [Machtverhältnisse als Garant ethische Verbindlichkeiten; lsp] ist das letzte Resultat eines konsequenten Szientismus [hier mit Naturalismus gleichzusetzen; lsp], der Lehre also, Rationalität gäbe es nur in einer kausal erklärenden Wissenschaft. Die intellektuelle Redlichkeit zwingt zu diesem Schluß, der noch keine Widerlegung des Szientismus ist: Der ethische Nihilismus könnte, so abstoßend er auch ist, die einzig wahre Position sein.“ (2)
Das wäre dann im Ergebnis Sozialdarwinismus.1) aus Jacques Monod; Zufall und Notwendigkeit; 19702) aus Vittorio Hösle; Die Philosophie und die Wissenschaften; becksche reihe

Um Himmel Willen — warum soll das stimmen? Nur weil jemand das hingeschrieben hat? Niemand behauptet Naturalismus gebe eine Ethik vor. Aber darum eben auch nicht Sozialdarwinismus. Damit widersprichst Du Dir doch selbst.
Die einzige ethische Frage ist: in welcher Welt will ich leben? Ob man die wie Kant formuliert und dem eigenem Verstandesgebrauch überstellt oder wie Mose und Jesus Antworten formulieren will: beides ist gleich gut oder gleich schlecht rational zu nennen.
Bonusfrage: Etwas bis zum Ende in alle falschen Konsequenzen durchdenken ist ja toll; aber wenn ich dann den Nihilismus nur durch die Vorstellung eines gesetzgebenden Gottes, der letzten Überauthorität, überwinden kann: müsste ich nicht mit selber Konsequenz Fundamentalist und im wahrsten Sinne Fanatiker werden? Wir sprechen doch über die Eine Ewige Wahrheit — wie kann man der gegenüber sich dann nicht vollständig unterwerfen und die weltweit durchsetzen wollen?
Es sei denn, es wäre sowieso nur der Mensch, der mühsam und ohne letzte Wahrheit sein Zusammenleben regeln müsste. Aber das wäre ja Nihilismus, das darf der doch gar nicht dürfen; das wäre ja unlogisch…
Der Text erscheint mir klar und konsequent:
a) Ethische Fragen sind nicht kausalwissenschaftlicher Natur. Darin sind wir uns doch vermutlich einig?
b) Das ist für eine naturalistische Philosophie (ich will jetzt nicht auf die verschiedenen Schattierungen des Naturalismus eingehen), für die sich alles auf Physik reduzieren läßt (auch wenn das noch nicht geleistet ist) ein wesentliches Problem. Wenn sie a) akzeptiert, ist das Ganze auch irrational, da die Rationalität des Reduktionismus in der kausalen Verursachung liegt.
Würden wir einen „rein-philosophischen“ Naturalisten wie ein Kaninchen aus einem Hut hervorzaubern, so gäbe es für den nur die Wahrheit der objektiven Welt. Für Subjektivität und Ethik wäre er blind.
c) Nun haben real existierende Naturalisten auch eine Ethik, die ihre Quelle, sagen wir es allgemein, in der Tradition hat. Nun, die Pointe ist die, daß in einer Gesellschaft von rein-philosophischen Naturalisten die Frage: Was ist gut? nicht verstanden und als sinnlos abgetan würde, in einer Gesellschaft aus real existierenden Naturalisten auf die Frage vielstimmig geantwortet würde und es letztlich machtpositivistisch entschieden würde, was ethisch der Fall zu sein hat und das ohne ein Kriterium/ eine Wahrheit , was den Gut ist.
Der von Schmidt-Salomon formulierte evolutionäre Humanismus stellt ein überaus ungekonntes Beispiel aus diesem vielstimmigen Chor dar.d) Zur Bonusfrage: Ein Ausweg aus dieser Situation ist in der Philosophie immer gesucht worden. Einen solchen Versuch stellt das Programm der Letztbegründung auch in der aktuelle Philosophie dar. (Apel, Kuhlmann, Hösle)
a) ja. Aber sie sind auch nicht kausal-philosophischer oder kausal-theologischer Natur. Das ethische Empfinden ist evolutionär gewachsen und mit Kultur ausgefüllt, mithin Ethik also menschengemacht und -verhandelt. Fairerweise müsste ein Theist eigentlich zugeben, dass er von Gott so wenig wissen kann, das eine Begründung seiner Ethik durch den Glauben nicht stattfinden kann.
b) Nein. Erstens betrachtest Du einen Ideal-Allwissens-Naturalisten, den es nicht gibt: würdest Du diese Stringenz bei Theisten auch anwenden, wärst Du beim Fundamentalisten und Fanatiker (-> Bonusfrage). Zweitens wäre für einen vollständigen Naturalisten natürlich nicht nur Objektives real: Subjektivität ließe sich ja eben auch reduktional betrachten und gerade dadurch in ihrer Existenz bestätigen.
Auch da stellte sich dann die Frage, wie wir mit dem gewonnen Wissen umgehen und wie wir leben wollen. Es ist aber kein Ausweg zu sagen, wir wollen es nicht wissen, oder: Gott ist nützlich, darum wahr.
c) Die Frage, was denn gut sei, bleibt einfach die alte: aus dem Naturalismus folgt keine Antwort. Aber die Frage bleibt genauso gültig wie vorher, weil der Mensch vor genau den gleichen Problemen mit sich, anderen und der Umwelt steht wie vorher. Was Du beschreibst sind Roboter, keine Naturalisten.
d) Eben, es wird immer noch gesucht. Ethik ist und bleibt Verhandlungssache. Die ist weder vom Naturalismus noch von Religion abhängig, höchstens von deren metaphysischen Fehldeutungen gefährdet.
„Die Frage, was denn gut sei, bleibt einfach die alte: aus dem Naturalismus folgt keine Antwort.“
So ist es. Jetzt präzisiere ich den Naturalisten als einen reduktiven Physikalisten = Materialisten. Der Anhänger dieser Überzeugung kann sich jetzt aus dem Angebot der Philosophien etwas ihm gemäßes heraussuchen, jedoch haftet dieser Ethik etwas willkürliches, eklektisches an, was ich jederzeit bestreiten kann. – Das Problem liegt darin, daß der reduktive Materialist die Wirklichkeit nicht angemessen beschreibt. Aber das ist eine weitere Geschichte.
Aber ein Naturalist ist kein Materialist in dem Sinne, wie Du ihn versteht. Selbst wenn er „Physikalist“ wäre (ein Ausdruck, der ja auch alles meinen kann), würde er nicht die Existenz von „Geistigem“ leugnen. Er würde bloß so an die Sache gehen, dass auch Geistiges natürlich beschreibbar ist und keiner übernatürlichen, unerklärbaren Rechtfertigung bedürfe.
Und für die Ethik-Sache bringt Dir die Unterscheidung sowieso nichts. Selbst, wenn der naturalistische Versuch am Ende eine „Seele“ und Willensfreiheit finden würde, würde das nichts darüber aussagen, welche Ethik besser oder schlechter wäre. Und das sind ja Deine Vorwürfe hier im Post.
zu 5) Das ist in Ordnung so. Ich denke,ein Naturalismus, wie ihn J.Searle beschreibt, in dem er immer wieder betont, daß, neben den physischen Eigenschaften, die Natur auch geistige zeigt, beschreibt die Natur angemessen. Dabei geht es um nichts Übernatürliches. – Vorhang zu und alle Fragen offen, wie Reich-Ranicki sagte, oder war es ein anderer?
zu6)
Ich denke schon. So ist es ein interessantes Unternehmen, zu untersuchen, ob es im geistigen / subjektiven „Universum“ so etwas wie eine Wertrationalität gibt, parallel zur Zweckrationalität der Physik. Das macht der Hösle.
Mir scheint, nach einer kurzen Begriffsklärung sind wir praktisch kaum auseinander. Die Frage, wie Geist und Materie zusammenhängen können wir da ja erst mal offenlassen, bis wir was drüber wissen. Das Zitat ist übrigens von Brecht, aber Reich-Ranicki hat es vermutlich in seinem Leben öfter gesagt als der.
Ich habe auch überhaupt nichts gegen philosophische Bestimmungen von Ethik, wenn ich auch Hösle nicht kenne. Die Informierung durch die diesbezüglichen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie können da vielleicht helfen. Auch wenn’s für einen Naturalisten vielleicht komisch klingt: eigentlich wünsche ich mir keine endgültige Bestimmung, welche Werte logisch richtig sind bzw. halte die auch nicht für möglich. Dass wir als Menschen den Menschen hoch bewerten, halte ich fast für selbstevident. Aber wie gesagt, Hösles Ergebnisse oder Überlegungen kenne ich nicht.
Hallo Leuchtspur,
ich finde die Konsequenzen, die in deinem Beitrag aus dem Naturalismus abgeleitet werden etwas einseitig.
Zitat:
“Nun könnte es durchaus sein, daß ethische Fragen “was ist gut?”, “was soll ich tun?” sinnlos wären …jedenfalls sind [sie;lsp] nicht kausalwissenschaftlicher Natur. Fairerweise müßte [ein konsequenter Vertreter des Naturalismus; lsp] dann zwar zugeben, daß eine naturalistische Begründung der Ethik nicht möglich sei. Aber man müßte dann zugleich einräumen, daß es überhaupt keine rationale Begründung geben könnte – daß der Gedanke an Verbindlichkeiten, die faktischen Machtverhältnisse überschreiten, eine Illusion sei.” (2)
Meines Wissens hat David Hume erstmalig deutlich dargelegt, das sich das Sollen nicht aus dem Sein ableiten lässt. Damit wird doch der ethische und politische Bereich überhaupt erst einer rationalen Argumentation und Begründung zugänglich.
Der deutsche „Objektive“ Idealismus ging einen anderen Weg. Hegel erfand mit seiner Dialektik eine Methode, die es ihm ermöglichte Ziel und Bestimmung der Menschheit aus der Geschichte herauszulesen (oder hineinzuinterpretieren).
Die Herrschaft des preussischen Staates als Selbstverwirklichung der Geistes. Welchen Einfluss diese Philosophie auf die deutsche Politik bis 1945 hatte, lässt sich schlecht sagen.
Bekannter allerdings ist, das Hegels Dialektische Methode in der Sowjetunion allgemein anerkannt war, weil sie in der Lage war, die „objektive“ Rechtfertigung für die Diktatur der Partei zu liefern.
Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat, usw. wurden nicht durch göttliche Offenbarung und nicht durch objektiven Idealismus begründet.
Und wenn ich lese, dass sich die Menschen durch die Auflösung des Alten Bundes vom Guten, Schönen und Wahren abgewandt haben, möchte ich empfehlen einmal das Alte Testament zu lesen, und zwar ohne theologische Scheuklappen aufzusetzen.
Um es nochmal zu wiederholen: Die Ansicht, das Ethik und Politik nicht durch Gott, oder die Geschichte vorherbestimmt sind, ermöglicht erst eine rationale Diskussion.
Nihilismus ist eine theoretische Möglichkeit. Aber ein Naturalist kann auch einen säkularen demokratischen Sozialstaat mit rationalen Argumenten begründen. Er kann sich dabei nur nicht auf höhere absolute Wahrheiten berufen.
Apel, Kuhlmann und Hösle habe ich nicht gelesen, aber Programme der Letztbegründung, theologisch oder philosophisch, waren bisher langfristig nicht besonders erfolgreich.
mfg georg
Hallo Georg!
Einige Aspekte zu Deinem interessanten Kommentar.
1) Die Metapher „Alter Bund“ beschreibt eine Situation, in der Werte, da transzendent (Gott, Ideen) begründet, menschlichem Zugriff entzogen waren.
Dieses Fundament ist für alle, die sicher sind, daß diese Transzendens nicht existiert, zerbrochen.
Nennen wir diese Naturalisten. (Es sei für´s erste offen, was das ist, ein Naturalist.)
Nehmen wir weiter an, daß es Menschen sind, die sich am Wissenschaftsideal der Naturwissenschaften orientieren.
2) Die Naturwissenschaft, insbesondere die Biologie, zeigt, daß bestimmte Verhaltensweisen (und in der Folge die daraus formulierten Werte) als evolutionsstabile Strategien entstanden sind. Sie erklärt somit diese Werte.
Mit Recht weist Du darauf hin, daß man sich vor einem naturalistischen Fehlschluß hüten muß.
D.h. doch, die Erklärungen der Wissenschaft sind gut und schön, aber wir können auch andere Wahrheiten erfinden.
Nun ist völlig klar, daß ein Naturalist rational argumentieren kann. Jedoch, wenn er den Standpunkt aufgibt, daß es
die
Wahrheit gibt bleibt ihm doch im Feld der „relativen Wahrheiten“ mit demjenigen, der eine andere Wahrheit hat, letztlich nur die Gewalt zur Durchsetzung seiner Wahrheit. Oder umgekehrt, der der die Macht hat, bestimmt was richtig ist. – Darauf zielte meine Frage, was denn wahr wäre, hätten die Nazis gewonnen.
3) Kommen wir zur Frage, was denn mit Naturalist gemeint ist.
Allen Naturalisten gemeinsam ist der Standpunkt, daß das einzige, worüber wir etwas wissen können, die Natur als Ganzes ist.
Nun gibt es Naturalisten, die sich an der Naturwissenschaft und ihrer Methode orientieren. Die einfachste Form wäre der Materialist oder heute sagt man Physikalist.
Das Programm der Naturwissenschaft ist eine reduktionistisches, d.h. alle Phänomene sollten letztlich auf molekulare reduziert werden. Diese Position vertreten auch die so orientierten Naturalisten und daraus ergeben sich die oben erwähnten Probleme, z.B. der Reduktion ethischer Sachverhalte.
Ich glaube, daß dieser Naturalismus falsch ist. Ich schließe mich der Meinung des Philosophen John Searle an, wenn er behauptet, daß der Geist ein Teil der Natur ist. Ich bin also kein Antinaturalist. Searle und viele andere haben also ein reicheres Bild der Natur als die Physikalisten. Wahrscheinlich ist in dieser Sicht Raum für „Gesetzmäßigkeiten“, die die Ethik betreffen, zu denen ein Physikalist keinen Zugang hat. Aber das ist eine andere Geschichte!
Viele Grüße!
Hallo Leuchtspur,
danke dass du deinen Standpunkt nochmal konkretisiert hast. Da gibt es für mich zwei Punkte zum einhaken. Heute aber nur ganz kurz.
Einmal Konsens:
Ich glaube ebenfalls das ein reduktionsitischer Naturalismus falsch ist. Ich glaube aber nicht, dass er tatsächlich von Bedeutung ist, sondern dass er von interessierter Seite aufgebaut wird, weil er einfach abzulehnen ist.
Ein geeigneter Naturalismus ist m. E. ein emergenter, der davon ausgeht, dass die Welt aus verschieden Ebenen besteht (z. B. physikalisch, chemisch, biologisch, tierisches Sozialverhalten, menschliche Kultur), wobei die jeweils zugrundeliegende Schicht Möglichkeiten für die „emergierende“ Schicht bietet, die emergierende Schicht in allen Details aber nicht logisch aus der zugrundeliegenden Schicht ableitbar ist.
Einmal Dissens:
Ein Naturalist, der weiß, dass es in Politik und Moral keine absoluten Wahrheiten gibt.
Ein Religiöser oder Idealist, der überzeugt ist, dass es die eine absolute Wahrheit gibt, die zur Rettung seiner Seele, seines Stammes, der Menschheit, seiner Rasse oder Klasse führt, und er sie besitzt.
Wer wird denn eher geneigt sein, zur Durchsetzung seiner Wahrheit Gewalt anzuwenden???
mfg georg
Hallo Georg!
Zum Dissens:
Ist dieser Gegensatz heute nicht ein Potemkinsches Dorf, gebaut mit Versatzstücken aus der Geschichte? Läuft die Frontlinie zwischen Friedfertigkeit und Gewaltbereitschaft heute nicht ganz wo anders? Es gibt viele gewaltbereite Religiöse, aber welche Religion legimiert heute Gewalt? Es gibt viele friedfertige Religiöse, die sich durch ihre Religion legimieren. Und gibt es Friedfertigkeit und Gewaltbereitschaft nicht auch unter Atheisten, Naturalisten oder sonstigen Gruppierungen.
Was die absolute Wahrheit betrifft:
Nicht das wir uns da falsch verstehen. Mein Standpunkt ist, es gibt Wahrheit. (Das ist letztlich ein letztbegründeter Satz, denn seine Negation ist ein Widerspruch.) Aber Wahrheit legitimiert keine Gewalt.
Der Gegensatz zur Behauptung, daß es Wahrheit gibt, wäre ein Relativismus der Art, daß je nach Standpunkt letztlich alles wahr sein kein – ich erinnere an meine Nazifrage. Man müßte sich dann die Frage stellen, warum man überhaupt für eine Sache eintritt. Und wie sähe die Antwort aus?
Viele Grüße!
Hallo Leuchtspur,
mit dem ersten Absatz stimme ich im wesentlichen überein. Ich wollte nur deutlich machen, dass die Einsicht, dass es in bestimmten Bereichen keine absolute Wahrheit gibt, eben gerade kein Grund ist, die eigene mit Gewalt durchzusetzen.
Religiöse Gewalt ist in unserer Gesellschaft sicher kein aktuelles Thema, aber ich möcht darauf hinweisen, dass die katholische Kirche erst jüngst versucht hat, ein religionskritisches Kinderbuch („Das kleine Ferkel“) indizieren zu lassen. Die Motivation Andersdenkende zu drangsalieren ist noch vorhanden.
Die Aussage, dass es Wahrheit gibt ist ziemlich allgemein. Die Frage ist doch, ob diese Wahrheit objektiver menschlicher Erkenntnis zugänglich ist. Und die Ethik ist nun mal ein Bereich, über den man rational argumentieren kann, den man aber nicht objektiv aus den Sternen herauslesen kann. Und daraus folgt durchaus kein Relativismus. Alles kann wahr sein, aber nicht alles gut!
Das sieht man z.B. darin, dass es in den westlichen Gesellschaften ähnliche Rechtssysteme gibt. Die westlichen Rechtssysteme sind doch eine Antwort auf deine Nazi-Frage, weil sie eine Ethik begründen. Auch wenn die Verfassungen sich auf Gott berufen, sind sie doch nicht aus der Bibel abgeschrieben, sondern sind menschengemacht.
Zu deiner Aussage „Wahrheit legitimiert keine Gewalt“. Es gibt Leute, die sehen das anders. Karl Rahner hat in den 60er sinngemäß geschrieben: Wenn die Kommunisten gegen Andersdenkende vorgehen, muß der Christ dafür Verständnis haben, denn Häresie ist das schlimmste Verbrechen.
Aber abgesehen von solchen radikalen Minderheiten besteht doch über ethische Fragen weitgehend Konsens, unabhängig ob die Menschen religiös sind und an eine Letzbegründung glauben oder nicht. Das ist nochmal eine Antwort auf deine Nazi-Frage.
mfg georg
Hallo Leuchtspur,
in meiner gestrigen Erwiderung habe ich mich auf ein Randgebiet verirrt.
Nochmal abschließend zum Hauptthema:
Aus dem Naturalismus folgt, dass es im Bereich der Ethik keine absolute Wahrheit gibt.
Daraus schließt du, dass dies zu einer Welt führt, in der versucht wird, relative Wahrheiten mit Gewalt durchzusetzen.
Ich komme genau zum gegenteiligen Schluss:
Aus der Erkenntnis, dass die Wahrheiten relativ sind, folgt, dass keine Wahrheit aus sich selbst legitimiert ist, sich gegen die anderen Wahrheiten durchzusetzen.
Der Naturalismus, richtig durchdacht, führt gerade nicht zu einem System politischer Gewalt, sondern zu einem System, welches unterschiedliche Meinungen als legitim anerkennt und daher Gewalt gegen Andersdenkende ablehnt.
Das dazu passende politische Modell ist die säkulare Demokratie, in der die partikulären Interessen (oder Wahrheiten) nach allgemein anerkannten Regeln um die Zustimmung der Mehrheit werben.
Dies ist meine Antwort auf deine Ausgangsthese und die Nazi-Frage.
Nicht Nihilismus, sondern säkulare Demokratie ist die vernünftige Konsequenz aus einem naturalistischen Weltbild.
Und, um die These noch etwas zuzuspitzen:
Nur aus einem Weltbild, welches nicht den Anspruch erhebt, im Bereich der Politik oder Ethik über absolute Wahrheit zu verfügen, lässt sich Demokratie vernünftig begründen.
Denn, es wäre doch absurd, andere Meinungen als legitim und gleichberechtigt anzuerkennen, wenn es eine absolute Wahrheit gibt und ich die schon erkannt habe.
Und das ist auch der Grund, warum ich den objektiven Idealismus (insbesondere Hegel) nicht nur für falsch, sondern auch aus ethischen Gründen für bedenklich halte.
mfg georg
Hallo Georg!
Ich möchte es noch einmal präzisieren:
1) Ein Naturalist als solcher kann aus seiner naturalistischen Überzeugung keine Ethik ableiten (=>Naturalistischer Fehlschluß)
2) Jeder Mensch hat, noch bevor er rational reflektiert, eine Ethik.
3) Die Wissenschaft zerstörte die Glaubwürdigkeit der ursprünglichen Legitimation von Ethik, sei es durch Hinweis auf den Nat.Fehlschluß, sei es durch Ablehnung von Offenbarungen o.ä.
4) Der Gegensatz von absoluter und relativer Wahrheit scheint mir nicht hilfreich. Die Alternative ist: Gibt es Wahrheit und können wir sie erkennen oder ist bzgl. der Wahrheit keine sichere Erkenntnis möglich, da sie vom jeweiligen Standpunkt abhängig ist. Damit meine ich einen grundsätzlichen Relativismus.
5) Nun die Nazifrage zugespitzt: Man stelle einen humanitär denkenden Demokraten mit der Ansicht, Wahrheit sei letztlich nicht möglich (relativistischer Standpkt.) einem überzeugten Nazi gegenüber, dessen „Wahrheit“ es ist, daß bestimmte Bevölkerungsgruppen keine Menschen, sondern Ungeziefer seien.
Was kann der Relativist dieser Position entgegen setzen? Er könnte doch lediglich sagen: Meine Wahrheit ist das nicht, aber von deinem Standpunkt magst du Recht haben. Da ich aber die Macht habe, wird mein Programm realisiert und nicht deines.
Der Nichtrelativist müßte in der Lage sein, überzeugend zu begründen, warum der Standpunkt des Nazis falsch ist. Er braucht dann immer noch die Macht, wohl aber mit guten Gründen.
Viele Grüße!
Hallo Leuchtspur,
das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich versuche mal, zumindest mich befriedigende, Antworten zu finden.
Vorweg eine Klärung zu 4)
Eine letztbegründung der Ethik im Sinne einer objektiven Erkenntnis kann es nicht geben.
Eine Letztbegründung ist entweder so allgemein, dass sich daraus eine konkrete Ethik nicht ableiten lässt, bzw. sich beliebige Ethiken daruf berufen können, oder sie ist konkret und kann dann keine objektive Wahrheit beanspruchen, weil immer jemand sagen kann: „Ich glaub das nicht, beweis mir das“.
Wenn dem so ist, und ich habe noch kein überzeugendes Gegenargument gesehen, stellt die Frage „Wie sage ich’s dem Nazi?“ jede Position vor dasselbe Problem. Denn selbst derjenige, der glaubt er habe eine Letztbegründung, weiß doch, dass die seine keine allgemeine Anerkennung beanspruchen kann.
Zu 1)
Das stimmt, aber jeder Naturalist ist auch ein Mensch, und als solcher hat er auch Normen und Werte. Und es gibt Ethiken, die mit einem naturalistischen Weltbild besser harmonieren und andere, die das schlechter tun, und das sind insbesondere solche, die einen Absolutheitsanspruch erheben.
Zu 2)
Das stimmt.
Zu 3)
Ethik lässt sich nicht absolut herleiten, aber sie lässt sich doch durch Argumente begründen.
Menschenrechte, Demokratie und Rechtstaat sind in historischen Prozessen mit offenem Ausgang (nicht determiniert) entstanden. Man kan Gesellschaften, in denen diese Konzepte anerkannt werden, mit denen vergleichen in denen sie nicht gelten und Unterschiede und Konsequenzen aufzeigen. Damit lässt sich im allgemeinen Konsens darüber herstellen, was moralisch gut und was schlecht ist.
Die Menschenrechte sind, als Teil der Charta der Vereinten Nationen, inzwischen ganz offiziell zum Standard für zivilisierte Nationen geworden. Selbst Länder wie Saudiarabien, in denen diese mit Füßen getreten werden, sehen sich gezwungen, sich offiziell zu diesen zu bekennen, da sie Mitglied der VN sein wollen. Damit haben wir den 30er Jahren etwas voraus.
Welche Bedeutung die Argumentation im politischen und ethischen Bereich hat, kann man deutlich am Beispiel der kommunistischen Staaten sehen. Zum einen konnten sie aus Legitimitätsgründen der eigenen Bevölkerung gegenüber nicht umhin, diese offiziell anzuerkennen, andererseits konnten sie nicht zulassen, dass diese Themen frei debattiert werden, was ihre Legitimität erst recht untergraben hat.
Menschenrechte, Demokratie und Rechtstaat sind international anerkannte Standards, die argumentativ begründet werden können, auch ohne Letztbegründung.
Zu 5)
Wie gesagt, hat auch der Naturalist eine Position zu moralischen und politischen Fragen und die sollte ihn dann zu der Feststellung führen, dass der Nazi die Regeln verletzt, die nach allgemeinen Konsens für den zivilisierten Teil der Menschheit gelten und gelten müssen.
Demokratie muß voraussetzen, dass die Mehrheit davon überzeugt ist, dass die demokratischen Regeln besser sind, als die der Konkurrenz. Das lässt sich ebenfalls nur argumentativ begründen, aber es lässt sich argumentativ begründen.
Demokratie funktioniert nicht mehr, wenn sich hinreichend viele zu einem Extremismus bekehren lassen. Ideologien lassen sich nicht logisch widerlegen, aber man kann potenziellen Anhängern die (negativen) Konsequenzen aufzeigen, die aus der betreffenden Lehre historisch entstanden sind oder entstehen können.
Ein lesenswertes Buch zu diesem Thema ist von Hubert Schleichert und heißt „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren“.
Eine Letztbegründung gibt es nicht, aber es gibt moralische Standards.
mfg georg
Hallo Georg!
Zuvor als Hilfe für mich eine Zusammenstellung Deiner wesentlichen Aussagen:
1) Es gibt keine Letztbegründung in der Ethik, wohl aber moralische Standards.
2) Derjenige, der glaubt, etwas letztbegründet zu sagen, kann keine allgemeine Zustimmung beanspruchen.
3) Die heutige Ethik ist in einem historischen und offenen Prozeß zum Standard zivilisierter Nationen geworden.
4) Ethiken mit Absolutheitsanspruch harmonieren nicht mit einem naturalistischen Weltbild.
5) Weitere Sätze betonen die Argumentation in der Begründung von Ethik, lehnen aber logische Ableitbarkeit derselben ab.
zu1) Das erste Problem scheint mir zu sein, daß wir unter Letztbegründung ganz verschiedene Dinge verstehen.
Bei der Letztbegründungsproblematik geht es nicht darum, x-beliebige ethische Aussagen dadurch zu sanktionieren, indem man sie ex cathedra für letztbegründet erklärt.
Bei der Letztbegründung geht es darum, ob jede nichtempirische Aussage hypothetisch ist, oder anders formuliert, ob es nichtempirische Erkenntnis gibt, die man sinnvoller Weise nicht bestreiten kann.
Nehmen wir den Satz: Es gibt keine Wahrheit. Das ist ein nichtempirischer Satz. Man kann ihn sehr wohl bezweifeln, da er selbstwidersprüchlich ist.
Nun, wenn dieser Satz einen Widerspruch enthält, so gilt seine Gegenteil: Es gibt Wahrheit. Dieser Satz ist mit konsistentem Denken nicht zu bezweifeln.
Und was ist mit dem Satz: Letztbegründung ist unmöglich! Auch das ist kein empirischer Satz. Es ist eine Unmöglichkeitsbehauptung. Diese aber sind in Notwendigkeitsbehauptungen überführbar. (Etwa so: „Es ist unmöglich, das a=Letztbegründung“ => Es ist notwendig, daß non-a“.)
Notwendigkeitsaussagen sind gleichwertig letztbegründeten Aussagen.
Letztlich ist der Satz: „Es gibt keine Letztbegründung“ selbstwidersprüchlich, da er für sich in Anspruch nimmt, endgültig, also letztbegründet zu sein.
Nun zu praktischen ethischen Fragen. Als Beispiel diene der „Kategorische Imperativ“. Diesen kann man nicht sinnvoll bestreiten, während eine eudämonistische, als allgemeinverbindliche, Ethik sehr wohl bestritten werden kann.
Wir können das gerne diskutieren, aber ich will es für´s Erste hiermit bewenden lassen.
zu2) Das ist richtig, aber Zustimmung ist kein Geltungskriterium.
zu3) Dem Prozeßcharakter stimme ich zu. Wenn Du mit „offen“ meinst, daß der Prozeß weiter geht, so sehe ich das auch so
zu 4) Eine Ethik, die die dem oben beschrieben Letztbegründungsprogramm verpflichtet ist, scheint mir per se nicht mit irgendeiner naturalistischen Position zu kollidieren. (=> naturalistischer Fehlschluß)
zu 5) Was ist Argumentation letztlich anderes als Prüfung der ethischen Aussagen auf ihre Wahrhaftigkeit.
Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag!
PS. Die Gedanken sind im wesentlichen dem Buch „Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie“ von V. Hösle entnommen.
Für Deinen Buchtipp herzlichen Dank!
Hallo Leuchtspur,
ich bin’s nochmal. Den Hösle habe ich mir inzwischen zugelegt, aber noch nicht gelesen.
Aber der Anlass, dass ich mich nochmal zu Wort melde, ist der Eindruck, dass ich ein wesentliches Argument angedeutet, aber nicht deutlich gemacht habe.
‘Nun zu praktischen ethischen Fragen. Als Beispiel diene der “Kategorische Imperativ”. Diesen kann man nicht sinnvoll bestreiten,…’ Wenn eine Aussage hinreichend algemein ist, muss man sie nicht bestreiten, man kann sie so stehen lassen oder mit ihr arbeiten.
Ich habe kürzlich gelesen, dass sich Adolf Eichmann auf den kantischen Pflichtbegriff berufen hat. Das klingt aus heutiger Sicht erstmal absurd, aber mit etwas Phantasie, Dialektik und Rhetorik lässt sich das, meiner Meinung nach, machen.
Ich Anschluß skizziere ich mal, wie der NS sich auf den kategorischen Imperativ berufen könnte. Wenn mein Skizze funktioniert, und der kategorische Imperativ das Paradebeispiel für letzbegründete Ethik ist, hilft die bei der Nazi-Frage nicht wirklich.
Aber zuvor möchte ich zum Haupthema noch eine Ergänzung machen. Religionen und Weltanschauungen liefern neben welterklärung auch Handlungsmotivation und Lebensinn. Das Bewusstsein, einer Gruppe anzugehören, mit der man die gleiche absolute Wahrheit teilt, liefert dazu noch emotionale Geborgenheit.
Hat man die Aussage des Naturalismus, dass es für das Sollen keine objektive Erkenntnis gibt einmal verstanden und akzeptiert, würde man Ideologien, die Gegenteiliges behaupten automatisch eine gewisse Skepsis entgegenbringen. Und es ist ja wohl offensichtlich dass es im Deutschland der 30er Jahre von dieser rationalen Skepsis nicht zuviel, sondern zu wenig gab, was auch darin begründet ist, dass mit dem Idealismus eine einflussreiche anti-aufklärerische Gegenbewegung entstanden ist (Ausführlich zu Hegel, Karl Popper in: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band II). Ein richtig verstandener und allgemein verbreiteter Naturalismus würde meiner Meinung nach eine gewisse Immunität gegen ideologischen Fanatismus gewähren, während eine Kritik, die dem Naturalismus mangelnde Moralität vorwirft, gerade denen in die Hände spielt, die absolute Wahheit anzubieten haben.
Und jetzt Kategorischer Imperativ. Das könnte etwa so gehen:
Hegel hat gezeigt, dass sich der absolute Geist in den einzelnen Volksgeistern entwickelt und im deutschen Geist sein höchste Ausdrucksform gefunden hat. Die Entwicklung zur endgültigen Erlösung der Menschheit verläuft in der Weise, dass sich der Volksgeist, in dem der absolute Geist seine in der jeweiligen Entwicklungsstufe höchste Form hat, also der deutsche Staat, gegen die konkurrierenden Volksgeister durchsetzt.
Die Volksgeister der niedrigeren Stufen verfügen allerdings nicht über die Einsicht in die heilgeschichtliche Notwendigkeit ihres eigenen Untergangs und versuchen diesen dadurch zu verzögern, dass sie ihre Träger in den deutschen Volkskörper einschleusen, um dort zersetzend zu wirken.
Handle stets so, dass du die Entwicklung des absoluten d.h. deutschen Geistes unterstützt, das ist das absolute Gesetz und erkenne die Notwendigkeit dieser Handlung aus Achtung fürs Gesetz.
Der Deutsche Staat ist die Idee Gottes auf Erden.
So, oder so ähnlich könnte das doch funktionieren.
mfg georg
Hallo Leuchtspur,
noch eine Ergänzung zur Nazi-Frage.
Eine Philosophie der Aufklärung, die zur Delegitimierung der christlichen Religion führte, gab es in England, in Frankreich und in Deutschland. In England, in Frankreich und in Deutschland gab es in den 30er Jahren ein demokratische politisches System. Aber nur in Deutschland gelang es Nazis in diesem System an die Macht zu kommen, nicht aber in England und nicht in Frankreich.
Die christliche Religion war doch in Deutschland und Österreich nicht stärker delegitimiert, als in England und Frankreich.
Es gibt einen „deutschen Sonderweg“.
Will man entsprechendes für die Zukunft verhindern, ist es, meiner Meinung nach, praktikabler und sinnvoller, zu versuchen, diesen deutschen Sonderweg zu analysieren und daraus Lehren zu ziehen, als den Versuch zu unternehmen eine letztbegründete Ethik zu konzipieren.
mfg georg
Hallo Georg!
Zitat:
„Aber zuvor möchte ich zum Hauptthema noch eine Ergänzung machen. Religionen und Weltanschauungen liefern neben Welterklärung auch Handlungsmotivation und Lebenssinn. Das Bewusstsein, einer Gruppe anzugehören, mit der man die gleiche absolute Wahrheit teilt, liefert dazu noch emotionale Geborgenheit.“
Diese Effekte von Weltanschauungen sind wahrscheinlich sehr oft zutreffend. Sie gelten aber letztlich für alle Gruppierungen, so auch für bekennende Naturalisten.
Diese psychologischen Funktionen von Weltanschauungen sagen jedoch nichts über die Wahrheit dieser Sichten aus.
Was hier allein gefragt wird, ist das Argument!
Zitat:
„Hat man die Aussage des Naturalismus, dass es für das Sollen keine objektive Erkenntnis gibt einmal verstanden und akzeptiert, würde man Ideologien, die Gegenteiliges behaupten automatisch eine gewisse Skepsis entgegenbringen.“
Die Skepsis sollte die Schwester des Arguments sein und dafür muß man kein Naturalist sein (womit aber gar keine Stellung gegen den Naturalismus bezogen sein soll). Ich sehe keinen Grund dafür, daß ein Naturalist gegen Ideologien irgendeine Immunität aus seinem Naturalismus gewinnen kann. Hinsichtlich der Ethik kann er sich doch nur auf seine Intuition verlassen und vor dem Hintergrund des Nat. Fehlschlusses (über dessen Stichhaltigkeit man ja auch reden könnte) bleibt er doch im Grunde ein Relativist.
Zu Deinem Versuch zum Kat. Imperativ:
Vorweg, wir wollen weder die Philosophie Hegels noch die von K.Popper dogmatisch auffassen. Ich habe die Polemik Poppers in dem von Dir angegeben Band nochmals überflogen. Ich lasse das mal außen vor. Im Register der Hegelausgabe habe ich alle Zitate zum Stichwort Staat angesehen, jedoch nirgendwo Deine Bewertung eines konkreten deutschen Staates gefunden.
Wie dem auch sei, es ist richtig, daß Hegels Vergottung des Staates schon seinerzeit heftige Kritik hervorgerufen hat. Und man hat ihm vorgeworfen nicht deutlich genug den Staat als solchen von der Idee des Staates unterschieden zu haben und letzterer die überragende Bedeutung, die sie besitzt, zukommen zu lassen. Denn es dürfte doch unstreitigt sein, daß selbst der unvollkommenste Staat einem anarchischen Kampf aller gegen alle vorzuziehen ist. Ich glaube nicht, daß Hegel irgendeinen der damaligen deutschen Staate als Verkörperung des absoluten Geistes angesehen hat.
Deine Umformung des Kat.Imp. ist so nicht überzeugend. Sie enthält überaus fragwürdige Prämissen und würde mit Recht niemanden überzeugen. Sie beantwortet auch nicht die Nazifrage. Nach wie vor ist Dein naturalistischer Standpunkt: Wir haben bestimmte Standards. Darüber herrscht Konsenz (zur Zeit,lsp). Begründen muß ich das nicht.
Zu Deinen Ausführungen über den deutschen Sonderweg:
Für´s erste: Ich glaube nicht, daß der deutsche Sonderweg etwas mit Christentum zu tuen hat.
Es ist ein weites Feld. Er ist wahrscheinlich auch kein Ereignis, für das der Idealismus die Hauptverantwortung trägt.
(Nur einige Stichworte dazu: Die zu spät gekommene Nation; mangelnde demokratische Tradition, das Hegemoniestreben der großen europäischen Nationen, der verlorenen Weltkrieg, die geographische Lage zwischen Rußland/SU und dem Westen, u,v,a) Den Idealismus für diese politische Entwicklung im wesentlichen verantwortlich zu machen, halte ich für eine ideologische Verkürzung, wenn ich auch eine Mitverantwortlichkeit eines bestimmten Hegelverständnis in der politischen Entwicklung vor allem im Marxismus anerkenne.
Viele Grüße!
Hallo Leuchtspur!
Zur Wahrheit
„Diese Effekte von Weltanschauungen sind wahrscheinlich sehr oft zutreffend. Sie gelten aber letztlich für alle Gruppierungen, so auch für bekennende Naturalisten.“
Der wesentliche Unterschied zwischen Naturalismus einerseits und Religionen und Ideologien andererseits, ist der dass leztere den Bereich überschreiten „transzendieren“ über den objektiv prüfbare Aussagen gemacht werden können (was due ersterem ja ankreidest). Sie behaupten eine Wahrheit erkannt zu haben, die zu recht anspruch auf absolute Geltung erhebt. Bei Religionen macht es noch einen Unterscheid, inwieweit sich ihr Geltungsanspruch mit dem Jenseits zufrieden gibt. Religionen, insbesondere monotheistische Religionen, die einen absoluten Geltungsanspruch für das Diesseits erheben und Ideologien haben eine natürliche Affinität zu diktatur und Gewalt gegen andersdenkende. Dazu kommt dass die in diesem Sinne handelnden, die Überzeugung haben, nicht ihr individuelles partikuläres Interesse zu verfolgen, sondern einem objektiven göttlichen oder Geschichtsgesetz zu gehorchen.
Aus dem Naturalismus folgt zumindest eine Skepsis gegenüber einem solchen Geltungsanspruch. Wäre diese Skepsis allgemein verbreitet, könnte die schon einen gewissen Schutz darstellen. Und wenn dazu eine allgemeine positive Wertschätzung der Demkratie kommt, ist es natürlich noch besser. In der Weimarer Demokratie hat es ja bekanntlich daran gemangelt.
Eine philosophische Richtung, die dazu einen Beitrag leistet, ist natürlich zu begrüßen.
Dein Haupttext erweckt den Eindruck, als hätte der Naturalismus das Tor für das Böse geöffnet. Gewalt gegen Andersdenkende, und nicht nur gegen Einzelne, sondern auch gegen Gruppen, war auch eine Begleiterscheinung der christlichen Religion. So heißt es z.B. in Wikipedia zum Stichwort Katharer „Die Katharer wurden im Zuge des Albigenserkreuzugs und weiterer Feldzüge sowie durch die Inquisition als Häretiker verfolgt und vernichtet“.
Gerade die durch das Christentum induzierten Religionskriege waren eine Motivation für die Aufklärer, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren und für eine rational und moralisch begründete Staatsverfassung zu plädieren.
Zum Kategorischen Imperativ
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, das sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Meine Intention war es nicht, eine Interpretation vorzulegen, die allgemeine Anerkennung hervorruft, sondern an einem Bsp. zu demonstrieren, dass ein Nazusehr wohl glauben kann, dass sein Handeln mi dem K I in Einklang steht, weil er nicht sein individuelles Ziel verfolgt, sondern ein höheres („Du bist nichts, dein Volk ist alles“). Analoges gilt für Kommunisten, Christen, Juden …
Den K I hätte man, meiner Meinung nach, in den 30ern in den Parteibüros der Nazis, der Kommunisten, in allen christlichen Kirchen, in Synagogen und Moscheen plakatieren können, ohne dass die jeweiligen Mitglieder daran Anstoss genommen hätten. Er klingt ja gut, und schließlich folgen ja alle einem allgemeinen Gesetz.
Wenn dem so ist, sind eben derart allgemeine Regeln in Bezug auf die Nazi-Frage nur von beschränktem praktischen Nutzen.
Zu Hegel
Die Philosophen der Aufklärung in Frankreich haben die, durch die christliche Religion legitimierte, absolutistischen Monarchie kritisiert und ein auf Vernunft basierendes, Gleichheit und Freiheit berücksichtigendes politisches system eingefordert. aus diesen Forderungen sind die modernen Konzepte Menschenrechte, Volkssouveränität, Demokratie, Rechtsstaat, … entstanden.
in Deutschland wurden auch entsprechende Forderungen, gemässigte nach einer auch für den Monarchen bindenden Verfassung bis hin zur demokratischen Republik.
Die Forderung, dass die Regierung nicht über dem Gesetz steht, was voraussetzt, dass es eines gibt, eine schriftliche Verfassung eben, ist denke ich, eine Minimalvoraussetzung, um einen Staat als Rechtsstaat zu bezeichnen.
Es gibt ein Bonmot, nachdem der preußische Hofarzt entlassen wurd, weil er sich nach der Verfassung des Königs erkundigt hat.
Und was sagt Hegel zu dem Thema?
Z.B. in Grundl. d. phil. d. Rechts §273 „… Eine andere Frage bietet sich leicht dar: wer die Verfassung machen soll. Diese Frage scheint deutlich, zeigt sich aber bei näherer Betrachtung sogleich sinnlos. … Überhaupt, aber es sit schlechthin wesentlich, daß die Verfassung, obgleich in der Zeit hervorgegangen, nicht als ein Gemachtes angesehen werde;…“
Oder in Enzyklopädie der phil. Wis. III §540 “ … Die Frage, wem, welcher und wie organisierten Autorität die Gewalt zukommen, eine Verfassung zu machen, ist dieselbe mit der, wer den Geist eines Volkes zu machen habe. …“
Selbst die gemäßigte Forderung nach einer Verfassung wird von Hegel als sinnlos abgetan, weil das machen von Verfassungen eine Tätigkeit ist, die dem objektiven Geist vorbehalten ist.
Zu den kontroversen Auseinandersetzungen seiner zeit, über dei beste Staatsform (absolutistische Monarchie, konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik), verkündet die Hegelsche Philosophie eine klare Botschaft: der Idealstaat ist eine absolutistische Monarchie.
hegel hat bewußt und aktiv gegen die demokratischen Idee gearbeitet und hat damit seinen Anteil daran, wie groß auch immer, daß sich diese Idee in Deutschland im 19. Jh. nicht durchsetzen konnte und dass es ihr in Weimar an Unterstützung gefehlt hat (Die Nazi-Frage).
Hegels Idealstaat ist eine absolutistische Monarchie, die unter Berufung auf Gott, Vernunft und Freiheit die Unterwerfung des Individuums fordert. So heißt es in Phil. d. Geschichte „Die objektive freiheit aber, die gesetze der reellen Freiheit fordern die Unterwerfung des zufälligen Willens, …“ Der zufällige Willen, das ist z.B. der meine und der deine.
Ob man Popper in allen Interpretationen folgt oder nciht Hegel entwirft unter Berufung auf Vernunft und Freiheit eine absolutistische Monarchie. die Philosophen der Aufklärung haben unter Berufung auf Vernunft und Freiheit Die modernen Komzepte von Rechtsstaat und Demokratie entwickelt. Hegel macht genau das Gegenteil.
Wollte Hegel den Eindruck erwecken, dass sich der absolute Geist im damaligen Preußen realisiert?
Es finden sich durchaus Hinweise, dass sich die Absolutwerdung aktuell (z. Zt. Hegels) vollzieht, z. B. in Phil d. Gesch. „denn die christliche welt ist die welt der Vollendung; das Prinzip ist erfüllt, und damit ist das Ende der Tage voll geworden: die Idee kann im christentum nichts Unbefiedigtes mehr sehen.“ oder in Grundl- d. Phil. d. R. § 360 „… die Gegenwart hat ihre Barbarei und unrechtliche Willkür und die Wahrheit hat ihr Jenseits und ihre zufällige Gewalt abgestreift, so daß die wahrhafte Versöhnung objektiv geworden, welche den Staat zum Bilde und zur Wirklichkeit der Vernunft entfaltet.
Und da es sich bei seiner Geschichtsphilosophie um eine Teleologie handelt, folgt daraus, dass der letzte Teil den forgeschrittensten Zustand darstellt. Der behandelt Deutschland, und da ist alles schön „Die Regierung ruht in der Beamtenwelt, und die persönliche Entscheidung des Monarchen steht an der Spitze, denn eine letzte Entscheidung ist, wie früher bemerkt worden, schlechthin notwendig.“ Davor wird England behandelt, und da gibt es doch etwas anzumerken: „Diese Einrichtungen des partikulären Interesses lassen durchaus kein allgemeines System zu.“ Schlimm, schlimm.
Das Hegel das auch so gemeint hat ist durchaus naheliegend. H. J. Störigs Kleine Weltgeschichte der Philosophie sieht das auch so: „So erschien hegel anderen und fühlte sich selbst als der preßische Staatsphilosoph, der im Bunde mit der herrschenden Reaktion den damaligen preußischen Staat als die letzte weisheit der welthistorischen Vernunft und sein eigenes system als die Krone aller Philosophie erklärte.“
Wollte Hegel diesen Eindruck nicht erwecken, wäre es ihm ein leichtes gewesen, dieses Mißverständnis zu korrigieren. Hat er aber nicht.
Und noch dazu: In den Grundl. d. phil. d. Rechts von Suhrkamp ist ein Brief Hegels an Hardenberg (Entwurf) abgedruckt, in dem hegel das offensichtliche auch explizit formuliert, nämlich dass seine wissenschaftliche Bestrebung dahingeht, den Einklang der Philosophie mit dem Preußischen Staat zu beweisen.
Zum Schluss
Mit dem Hösle bin ich noch nicht sehr weit, aber was ich auf S. 52 gelesen habe, hat mich schon etwas entsetzt „Die Auffassung Hegels, der im modernen Rechtsstaat, eine Verwirklichung christlicher Prinzipien erblickt, …“ Was bitte hat ein Prediger einer absolutistischen Monarchie mit einem modernen Rechtsstaat zu schaffen?
Damit hat Hösle bei mir schon mal jeden moralischen Kredit verloren.
Dass er Popper dann in einer Fußnote abfertigt, ohne Poppers Text zu benennen, damit auch keiner auf die Idee komm, sich selber ein Bild zu machen ist richtig schlechter Stil.
Es kommt dan aber noch dicker. In einem Absatz (S. 79f) stellt er eine Verbindung zwischen dem Kritischen Rationalismus Poppers und em NS her. Der Absatz schließt mit dem Satz: „Das Phänomen des Dritten Reiches läßt sich ohne die Verbindung von nihilistischem Irrationalismus und funktionaler Zweckrationalität nicht erklären.“
Zum einen zeigt die Bezeichnung des NS als „nihilistischer Irrationalismus“, dass es ihm an Verständnis für dieses Phänomen mangelt. Sicher enthält er irrationale Elemente. sein Erfolg läßt sich doch nur dadurch erklären, dass er eine Sinnstiftung anzubieten hatte, eben das Gegenteil von Nihilismus. Empfehlenswert zu dem Thema: Peter Fritzsche, Wie aus Deutschen Nazis wurden.
Die Verbindung zu Popper ist besonders grotesk, wenn man weiss, dass er den Text, in dem er seine politische Theorie formuliert (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde), 1944 veröffentlicht, ausdrücklich als Beitrag zum Krieg verstanden wissen will (Popper, Ausgangspunkte „Das Elend des Historizismus und Die offene Gesellschaft waren meine Versuche, eine Beitrag zum Krieg zu leisten.“) Popper versucht eine Antwort auf dei Nazi-Frage zu finden!
Ferner schreibt er dort:
„Eines der Hauptargumente meines Buchs über die Offene Gesellschaft richtet sich gegen den moralischen Relativismus. Die Tatsache, daß moralische Werte oder Prinzipien einander widersprechen können, macht diese Prinzipien nicht ungültig. Moralische Werte und Prinzipien können entdeckt und sogar erfunden werden. Sie können für eine bestimmte Situation relevant und für eine andere irrelevant sein. Sie können bestimmten Menschen zugänglich und anderen unzugänglich sein. Alles das ist jedoch etwas ganz anderes als der Relativismus, das heißt die These, daß jedes beliebige Wertsystem sich in gleicher weise verteidigen läßt und daß daher alle Wertsysteme gleich gültig (und daher gleichgültig) sind.“
Merke: Popper ist kein Relativist!
mfg georg
Hallo Georg!
Ich möchte in meiner Antwort zurück zur Problematik meines Eingangstextes.
Zuvor aber noch ein Wort zu Hegel und Hösle:
Ich habe in meiner vorigen Antwort geschrieben, daß weder Hegel noch Hösle sakrosankte Dogmen verkünden. Will man den Personen aber gerecht werden, so sollte man das Ganze ihrer Positionen zu einem bestimmten Sachverhalt berücksichtigen. Was man so mit Zitaten belegen kann sei am Beispiel der Rezension einer Dissertation über „Hegels System der Sittlichkeit“ . Darin wird der Autor der Diss. zitiert:
„Hegels Staat ist nicht autoritär oder totalitär, er schützt eigentlich nur den Lebensraum und gestaltet ihn so, dass jeder einzelne an einem bestimmten Ort für sich selbst verantwortlich sein kann. In dieser Hinsicht wirkt Hegel geradezu liberal. Nicht also unterjocht der Staat den einzelnen, sondern individuelle und allgemeine Zwecke stimmen bei genauer Betrachtung überein.“ (1)
Was Hösle betrifft, so handelt es sich bei ihm um einen ausgewiesenen Hegelkenner, von dem ich glaube, daß er weiß. was er sagt.
Dein Gegensatz von Nihilismus und Sinnstiftung in der Kritik Hösles scheint mir so nicht haltbar. Unter Nihilismus versteht man, so sehe ich es, die Verneinung der Erkenntnis von Wahrheit ethischer Werte, so daß der Nihilist jede Wertordnung als gleichwertig hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes ansieht, wenn er überhaupt die Frage nach der Wahrheit für sinnvoll hält. Natürlich hat er für sich eine Wertordnung, die auch sinnstiftend für ihn sein mag. Aber die Frage nach der Begründung der Wahrheit dieser Wertordnung ist ihm doch völlig unverständlich. Womit wir wieder bei der Nazifrage sind.
Doch jetzt wieder zum Naturalismus:
Ich wiederhole das oben zitierte nochmals:
„…Es ist schon richtig, daß die Wissenschaft die Wertvorstellungen antastet. Nicht direkt zwar, denn sie gibt keine Urteile über sie ab und soll sie auch ignorieren; aber sie zerstört alle mythischen oder philosophischen Ontogenien, auf denen für animistische Traditionen – von den australischen Ureinwohnern bis zu den materialistischen Dialektikern – die Werte, die Moral, die Pflichten, Rechte und Verbote beruhen sollten.”
Was bietet nun der Naturalismus als Ersatz dafür?
Du sagst:
„Der wesentliche Unterschied zwischen Naturalismus einerseits und Religionen und Ideologien andererseits, ist der dass leztere den Bereich überschreiten “transzendieren” über den objektiv prüfbare Aussagen gemacht werden können.“
Was bedeutet das? Sind denn ethischen Aussagen für einen Naturalisten objektiv prüfbare Aussagen? Und wenn sie nicht objektiv prüfbar sind, tranzendiert hier auch der Naturalist? Nimmt er eine nihilistische/ relativistische Position ein? Wenn nicht, wie begründet er aus seinem Naturalismus seine nichtrelativistische Position?
„Religionen, insbesondere monotheistische Religionen, die einen absoluten Geltungsanspruch für das Diesseits erheben und Ideologien haben eine natürliche Affinität zu diktatur und Gewalt gegen andersdenkende “
Das bestreite ich, weil es hier und heute nur ein ideologisches Feindbild ist. Schau Dich doch um, hier in unserem Land, in Europa; trifft Deine Charakteisierung hier und heute zu?
„Dazu kommt dass die in diesem Sinne handelnden, die Überzeugung haben, nicht ihr individuelles partikuläres Interesse zu verfolgen, sondern einem objektiven göttlichen oder Geschichtsgesetz zu gehorchen.“
Die Affinität zur Gewalt ist, wenn ich mal von einigen neuzeitlichen fundamentalistischen Erscheinungen (christlicher, muslimischer, – politischer Prägung, letztere z.B. Kolonialismus, Nazismus, Stalinismus, PolPotismus, ) absehe, wohl in keiner der großen Weltreligionen vorhanden. Ich leugne nicht die diesbezüglichen geschichtlichen Ereignisse, wenn man auch, um das Beispiel der Katharer aufzugreifen, beachten muß, daß die Interessenlage vielschichtig war und die religiöse Begründung oft nur Propaganda war, die machtpolitischen Motive zu vernebeln.
„Eine philosophische Richtung, die dazu einen Beitrag leistet, ist natürlich zu begrüßen.“ Ich ergänze: Eine Philosophie, die einen Beitrag gegen nihilistische Grundpositionen liefert, die begründet, daß Demokratie und Menschenrechte auf „Wahrheiten“ beruhen, die andere Systeme für sich nicht in Anspruch nehmen können, wäre zu begrüßen.
So stimmen wir überein. Dazu wäre es wünschenswert, wenn der Naturalismus sich von seiner materialistischen/ physikalistischen Position emanzipieren würde und, wie es der amerikanische Philosoph John Searle (ein Naturalist) immer wieder behauptet, anerkennen würde, daß der Geist ein natürliches Phänomen ist. Möglicherweise liefert ein solcher Ansatz auch die Anerkennung synthetischer Sätze apriori hinsichtlich der Ethik und dann auch eine Begründung für eine allgemeines Sittengesetz.
Du wirfst mir vor, ich wäre der Meinung, „der Naturalismus hätte das Tor für das Böse“ geöffnet.
Das ist ein Mißverständnis. Ich wiederhole es fast gebetsmühlenhaft noch einmal: Der Naturalismus hat als Philosophie in seiner Form als Physikalismus keine ethische Kompetenz, er sagt als Philosophie zur Ethik nichts aus. Der Naturalist kann sich aus dem Angebot ethischer Konzepte das heraussuchen, was ihm gefällt (das ist die nihilistische Komponente). Oder er akzeptiert ein für alle Menschen gültiges Sittengesetz (aus dem z.B. unveräußerliche Menschenrechte hervorgehen). Wenn er das tut, hat er natürlich das Problem, dieses Sittengesetz aus seinem Physikalismus zu begründen. Versuch das einmal!
Viele Grüße
1) http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10965&ausgabe=200708
Hallo Leuchtspur,
heute nochmal kurz zu Hegel, zu Hösle zum Sittengesetz zu Popper und zum Naturalismus.
Es ist ja bekannt, dass die Staatsform zur Zeit Hegels ein heiß umstrittenes Thema war: Absolutismus, Konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik. Und das Hegels Philosophie zum Thema Staat einiges aussagt, ist ja auch bekannt. Jeder kann die zitierten Werke von Hegel nach den Stichworten Monarchie, Verfassung, Konstitution Demokratie, Wahlreich durchsehen und sich notieren was Hegel dazu zu sagen hat und sich selbst eine Meinung bilden, ob die zitierte Charakterisierung von Hösle dazu passt. Dazu benötigt man kein Philosophiestudium, sondern lediglich ein paar Tage Zeit.
„Der Naturalist kann sich aus dem Angebot ethischer Konzepte das heraussuchen, was ihm gefällt (das ist die nihilistische Komponente). Oder er akzeptiert ein für alle Menschen gültiges Sittengesetz (aus dem z.B. unveräußerliche Menschenrechte hervorgehen). Wenn er das tut, hat er natürlich das Problem, dieses Sittengesetz aus seinem Physikalismus zu begründen. Versuch das einmal!“
Das Problem, ein konkretes Sittengesetz zu begründen besteht besteht doch für jede philosophische Position. Darauf hatte ich auch schon mehrfach hingewiesen. Versuch das einmal!
Mit dem Hösle bin ich noch nicht durch. Aber ich habe wenig Hoffnung, dass ich auf eine logisch zwingende Ableitung eines konkreten(!) Sittengesetzes stoßen werde.
Poppers „Offene Gesellschaft“ z.B. ist ein Plädoyer für eine demokratische Gesellschaft, nur eben, ohne zu behaupten, dass es dafür eine zwingende Letztbegründung gibt.
„Dazu wäre es wünschenswert, wenn der Naturalismus sich von seiner materialistischen/ physikalistischen Position emanzipieren würde und, wie es der amerikanische Philosoph John Searle (ein Naturalist) immer wieder behauptet, anerkennen würde, daß der Geist ein natürliches Phänomen ist.“
Daß der Geist ein natürliches Phänomen ist, ist doch allgemein anerkannt. Aber wahrscheinlich bestehen Differenzen darüber, was unter „Geist“ im einzelnen zu verstehen ist.
mfg georg
Moderner Objektiver Idealismus und letztbegründete Ethik:
Nihilismus nicht, aber viel heiße Luft
Hallo Leuchtspur,
mit dem Hösle bin ich jetzt einmal durch.
Der Anspruch, eine mit dem Naturalismus und der Religion vereinbare letztbegründete (!) Ethik liefern zu können, die mehr vorzuweisen hat, als ein paar allgemeine Parolen, schien mir von Anfang an uneinlösbar, und daher eine darauf basierende Kritik am Naturalismus als unfair.
Nach seitenlangen Abhandlungen zum Thema ‘Man kann beweisen, dass man nicht beweisen kann, dass es heine Letztbegründung gibt’, bin ich dann auf S. 223 doch auf letztbegründete Sätze gestoßen: „Letztbegründete Sätze sind sowohl ‘Es gibt Seiendes’ als auch ‘Es gibt wahre Erkenntnis’ als auch ‘Wahre Erkenntnis kann intersubjektiv mitgeteilt werden’“. Es ist ja wohl offensichtlich, dass man aus derart dürren Sätzen keine gehaltvollen Normen ableiten kann. Hösle hat’s auch gar nicht versucht.
Stattdessen postuliert er ein ‘Sein des Absoluten’: „denn an dem Sein des Absoluten ist nicht zu rütteln; es ist, wie der Letztbegründungsbeweis zeigt, viel fundamentaler als das Sein alles Empirischen, also auch der Welt.“ (S. 229).
Ich weiß nicht, ob er von dem Begriff des ‘Absoluten’ eine klare Vorstellung hat, ich jedenfalls nicht. Und es geht weiter: „Für einen objektiven Idealisten ist das Absolute die Totalität der apriorischen Wahrheiten, für einen objektiven Idealismus der Intersubjektivität ist die höchste Bestimmung der absoluten die Idee einer vernünftigen Intersubjektivität, deren Realisierung das Sittengesetz den endlichen Vernunftwesen unbedingt gebietet.“ (S. 230)
Das ist ein wohlklingendes Postulat, dass man nicht im Detail verstehen muss, und glauben schon gar nicht.
Die Berufung auf das Absolute bietet mehrere Vorteile. Zum einen wirkt es auf den ersten Blick eindrucksvoll, bei manchen vielleicht auch dauerhaft. Zudem ist die Gefahr, dass das Absolute gegen den Mißbrauch seines Namens Einspruch erhebt praktisch gleich Null. Und wenn jemand behauptet, dass das Absolute in Wahrheit andere Ziele verfolgt, z.B. den Preußischen Staat oder den Kommunismus, soll der das erstmal beweisen.
Die Berufung auf solche, kaum verstehbare und, erst recht, nicht prüfbare, Begriffe ist in meinen Augen Hösles Glaubwürdigkeit nicht gerade förderlich.
Im weiteren behauptet Hösle eine Teleologie: „Die Verwirklichung des Absoluten in der Welt kann objektiv nicht offen sein.“ (S. 231) und vertritt damit eine Position, die in den Naturwissenschaften mittlerweile als widerlegt gilt. Ernst Mayr z.B. stellt dazu fest: „Es gibt keinerlei Indizien, die den Glauben an eine kosmische Teleologie stützen würden.“ (in: das ist Evolution, S. 110).
In diesem Zusammenhang wurde mir auch Hösles Wertschätzung Hegels verständlich. Dass „… alles was geschieht, notwendig ist“ (S. 232) ist reinster Hegel. Es ist diese teleologische Weltdeutung, mit der Hegel seinen absolutistischen Idealstaat und mit der die kommunistischen Parteien ihren Herrschaftsanspruch begründet haben.
Dass Hösle, im Unterschied zu Hegel, die Demokratie als höchste Staatsform bezeichnet (S. 256), finde sympathisch.
Letztbegründet würde ich das aber nicht nennen, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass diese philosophische Tradition (angefangen mit Platon) schon andere Staatsformen, als der Weisheit letzter Schluß, verkündet hat.
Erwartungsgemäß habe ich keine letztbegründete und ausformulierte Ethik vorgefunden, stattdessen die etwas überraschende Aussage: „Doch geht es hier nicht darum, eine Werthierarchie konkret zu entwickeln – dies ist zugegebenermaßen nicht einfach. Worum es hier geht ist die simple Einsicht, daß ohne eine solche apriorische Werthierarchie … die transzendentalpragmatische Hoffnung absurd ist, moralische Fragen rational lösen zu können.“ (S. 252).
Eine solche apriorische Werthierarchie gibt es meines Wissens auch heute noch nicht. Wenn dem so ist, ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum dieses Fehlen dem Naturalismus und dem Kritischen Rationalismus zum Vorwurf gemacht wird.
Im übrigen bin ich ja der Meinung, dass trotzdem und, gerade deshalb, eine rationale Argumentation über Werte möglich ist.
mfg georg
Hallo Georg!
Nun, obwohl Du grosso modo die Position Hegels und Hösles in Deinem letzten Beitrag abgetan hast, will ich doch noch einmal versuchen einige wesentliche Gedanken von Hösles Ethikbegründung zusammen zu fassen.(1)
a) Letztbegründet sind solche Sätze, die weder ohne Selbstwiderspruch durch Kritik in Frage gestellt werden können, noch ohne Voraussetzung ihrer selbst deduktiv begründet werden können.
z.B. Es gibt keine Wahrheit.
Diese Methode der reflexiven Widerlegungsmöglichkeit von Sätzen ist zwar nicht neu, aber doch von erheblicher Tragweite. Die nihilistische Aussage, „Es gibt keine Wahrheit.“ wird durch diese Überlegung als unsinnig entlarvt, da die Aussage beansprucht, wahr zu sein.
b) Ethik hat im wesentlichen mit Intersubjektivität zu tun.
Wenn man diesen Satz akzeptiert – und er ist logisch zwingend- dann sind ethische Standpunkte, die sich ausschließlich auf subjektive Gebote/Verbote stützen, ebenso diskreditiert, z.B. ein subjektbezogener Hedonismus oder Utiliarismus der Art: Gut ist, was mir Vergnügen bereitet oder gut ist, was mit nützt.
c) Wer (im Hinblick auf Ethik) argumentiert setzt immer schon voraus, daß er im Diskurs zu wahren Ergebnissen gelangen kann. Wenn er das tut, hat er den Gesprächspartner schon als gleichwertig anerkannt. Damit liegen jeder Gesprächssituation schon ethische Prinzipien zugrunde.
d) Mit der Anerkennung der rationalen Argumentation ist die Gemeinschaft der Argumentierenden anerkannt. Ein Gegner der Argumentation wird durch seine Weigerung zu argumentieren für alle Argumentierenden bedeutungslos, auch für sich selbst, da er sich seines rationalen Selbstverständnisses beraubt.
e) Zur rationalen Argumentationsgemeinschaft gehören über die konkrete reale Gemeinschaft alle, die der rationalen Argumentation fähig sind.
Nun sind diese Sätze entgegen Deiner Meinung keine Petitessen oder heiße Luft.
Meiner Überzeugung nach sind sie eine überzeugende Klarstellung im Hinblick auf die Nazi-Frage. Um diese Frage noch einmal in Erinnerung zu rufen:
Was kann man gegen die Aussage: Nur Arier sind Menschen, andere Rassen hingegen minderwertig.“ vorbringen. Nun werden Arier als reale Argumentationsgemeinschaft in dieser Sache vielleicht Einigkeit erzielen. Sie müßten aber gegenüber allen anderen Menschen, die sehr wohl rational argumentieren können, die rationalen Argumentation verweigern (siehe d).
Letztlich liegt in dem was Hösles (u.a. siehe auch die Ausführungen zu Kuhlmann s.128) herausgearbeitet haben eine säkulare Begründung für die Gleichheit der Menschen, obwohl die Hauptwurzel für diese Errungenschaft wohl eine theologische ist.
Diese Basis dürfte auch ein Begründungspotential dafür haben, daß der Kat.Imperativ ein letztbegründeter Satz ist, denn seine Verneinung dürfte in logische Widersprüche führen. Auch das ist keine Kleinigkeit gegenüber einen Standpunkt der rein intuitionistisch argumentiert oder nihilistisch von der Gleichwertigkeit aller ethischen Positionen ausgeht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Was ist nun die Kompetenz des Naturalismus als Philosophie in dieser Sache. Sie ist nicht vorhanden.
Es ist übrigens ein grobes Mißverständnis, eine letztbegründete Ethik als eine Katechismus für alle Lebenslagen aufzufassen. Meiner Meinung nach ist jedoch diese Methode der Begründung, der Suche nach einer letztbegründeten Basis, überzeugender als eine, die sich nur auf Intuition berufen kann.
Viele Grüße!
1) Vittorio Hösle; Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Phiolosophie S.123ff
Hallo Leuchtspur,
eine letzbegründete Ethik, die den Anspruch erfüllen will, den der Begriff verspricht, muß zwei Kriterien genügen: Konkretheit und Wahrheit.
Zur Konkretheit
„Es ist übrigens ein grobes Mißverständnis, eine letztbegründete Ethik als eine Katechismus für alle Lebenslagen aufzufassen.“
Katechismus für alle Lebenslagen wohl nicht, aber hinreichend detailliert, damit sich zu konkreten ethischen Problemen eine klare und eindeutige Aussage ableiten läßt, muß sie doch sein. Dieser Auffassung ist ja gerade auch der Hösle!
Hösle geht sogar soweit zu sagen, daß, ohne eine entsprechende apriorische Werthierarchie die Hoffnung absurd ist, moralische Fragen rational lösen zu können und gibt gleichzeitig zu, eine solche Werthierarchie nicht anbieten zu können (S. 252). Hösle nennt das eine „simple Wahrheit“.
Damit ist doch, nach Hösles eigenen Worten der Anspruch des Objektiven Idealismus (zumindest derzeit) absurd!!!
Wenn Hösles Aussage richtig wäre, daß (zumindest derzeit) moralische Fragen nicht rational lösbar wären, was bleibt denn dann? Irrationalismus oder Nihilismus.
Mit der Aussage widerlegt der Hösle doch sich selbst, und den Objektiven Idealismus dazu!
Eine simple Einsicht ist es, daß eine letztbegründete Ethik an ihrem eigenen Anspruch scheitert.
Zur Wahrheit
Der Begriff Letztbegründung impliziert sichere Wahrheit.
Als die religiöse Legitimierung der Ethik noch unangefochten war, ließ sich die Wahrheitsfrage leicht durch Verweis auf die Quelle beantworten: Die Ethik kommt von dem einen wahren Gott, ist deswegen notwendig wahr und jede andere Ethik, die davon abweicht, ist notwendig falsch. Oder, in den Worten des islamischen Heerführers, der eine Bibliothek niederbrennen ließ und dies folgendermaßen begründete: „In den Büchern steht entweder dasselbe wie im Koran, dann sind sie überflüssig oder es steht etwas anderes, dann sind sie falsch.“
Eine letztbegründete Ethik steht vor demselben Problem wie die Gottesbeweise. Empirische Belege gibt es nicht oder sie sind nicht hinreichend. Daher bleibt der logische Beweis. Und ein logischer Beweis ist abhängig von der Wahrheit der Voraussetzungen, auf denen er basiert und der Korrektheit der Ableitung.
In Deiner Ableitung lässt sich z. B. c) betreiten:
„c) Wer (im Hinblick auf Ethik) argumentiert setzt immer schon voraus, daß er im Diskurs zu wahren Ergebnissen gelangen kann. Wenn er das tut, hat er den Gesprächspartner schon als gleichwertig anerkannt.“
Eine solche Einstellung wäre vielleicht wünschenswert, aber sie kann keinen Anspruch auf Wahrheit erheben.
Man stelle sich z. B. vor, ein Vertreter des Christentums und ein Vertreter des Islams diskutieren darüber, welche Religion die wahre ist (und damit auch über die wahre Ethik), was selten vorkommt, obwohl die Heidenmission in beiden Religionen einen hohen Stellenwert hat. Dir ist insoweit zuzustimmen, daß beide davon ausgehen, daß sich im Diskurs die wahre Religion durchsetzt und am Ende von allen als richtig anerkannt wird. Aber es ist ja im Normalfall so, dass jeder von vornherein davon ausgeht, dass die seine die wahre ist, und sich in seinem Glauben durch kein Argument beirren läßt. Und da jeder überzeugt ist, daß die seine Wahrheit offenbar und der Vernunft erkennbar ist, kann er im Gegenüber nur Dummheit (im günstigen Fall) oder Böswilligkeit (im weniger günstigen Fall) vermuten.
Das bedeutet, Deine Aussage c) gilt nicht allgemein und damit auch jede Ableitung, die daraus folgt. q.e.d
Wer Letztbegründung behauptet, muß sich auch an entsprechend strengen Kriterien messen lassen. Und Deine Ableitung bezogen auf die Nazi-Frage genügt solchen Kriterien nicht.
Ein Vertreter einer letzbegründeten Wahrheit (Religion oder Ideologie) kann sich natürlich auch die Diskussion sparen und direkt zu dem Schluß kommen, daß jeder der eine andere Meinung vertritt, dumm oder böswillig ist.
Was hat der Objektive Idealismus dem entgegenzusetzen?
Zum Naturalismus
Was immer man dem Naturalismus vorwerfen kann, die Alternativen können ihren Wahrheitsanspruch nicht einlösen. Zumindest habe ich noch keinen zwingenden Beweis für die Wahrheit irgendeiner Religion, Ideologie oder Philosophie gesehen. Das gilt übrigens auch für den Naturalismus selbst.
Wer trotzdem letztbegründete Wahrheit beansprucht, dem bleiben letztlich nur dogmatische Behauptungen (Religion, Ideologie) oder die Erkenntnis der eigenen Absurdität (Hösle).
„e) Zur rationalen Argumentationsgemeinschaft gehören über die konkrete reale Gemeinschaft alle, die der rationalen Argumentation fähig sind.“
Zu dieser Aussage kann man sich als Naturalist ganz zwanglos bekennen, weil sie selbstverständliche Grundlage der wissenschaftlichen Methodologie ist, auch wenn sie als Voraussetzung mit rationalen Argumenten zwar begründet, aber nicht im strengen Sinne bewiesen werden kann.
Damit haben wir, bezogen auf die Nazi-Frage doch dasselbe Ergebnis, nur ohne genötigt zu sein, das Unbeweisbare zu beweisen.
Fazit
Die strengen Kriterien, die der Letztbegründungsanspruch einfordert sind es gerade (!), mit der Du deinem Nazi-Argument selbst den Boden unter den Füßen wegziehst. Verzichtet man darauf, ist es eine schlüssige Argumentation. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Tatsächlich führt der Letztbegründungsanspruch nicht zu einer Antwort auf die Nazi-Frage, welche einen allgemeinen Wahrheitsanspruch geltend machen kann (ich habe jedenfalls noch keine gesehen), sondern verführt lediglich dazu, andere Positionen als „relativistisch“ abzuwerten. Poppers „Offene Gesellschaft“ z. B. erscheint Hösle offenbar als derart unwürdig, daß er sie noch nicht mal in sein Literaturverzeichnis aufgenommen hat. Eine derartige Einstellung würde ich, bezogen auf die Nazi-Frage, nicht gerade als hilfreich bezeichnen.
Die Letztbegründungsversuche halte ich daher nicht nur aus erkenntnistheoretischen, sondern auch aus ethischen, Gründen für eine Sackgasse.
mfg georg
Hallo Georg!
Zur Konkretheit
“Es ist übrigens ein grobes Mißverständnis, eine letztbegründete Ethik als eine Katechismus für alle Lebenslagen aufzufassen.” Katechismus für alle Lebenslagen wohl nicht, aber hinreichend detailliert, damit sich zu konkreten ethischen Problemen eine klare und eindeutige Aussage ableiten läßt, muß sie doch sein. Dieser Auffassung ist ja gerade auch der Hösle! Hösle geht sogar soweit zu sagen, daß, ohne eine entsprechende apriorische Werthierarchie die Hoffnung absurd ist, moralische Fragen rational lösen zu können und gibt gleichzeitig zu, eine solche Werthierarchie nicht anbieten zu können (S. 252). Hösle nennt das eine “simple Wahrheit”.
Damit ist doch, nach Hösles eigenen Worten der Anspruch des Objektiven Idealismus (zumindest derzeit) absurd!!! …“
Ich denke mit dieser Stellungnahme ist der Gedankengang Hösles gründlich mißverstanden. H. wendet sich mit seiner Position gegen die konsensualen Diskursethiker, die meinen, das, was richtig ist ausschließlich durch Mehrheitskonsens bestimmen zu können. In der von Dir angegebenen Stelle plädiert H. doch, gegen diese Position, gerade für eine rationale Lösung ethischer Probleme. Das es zur Zeit keine ausgearbeitete und abgeschlossene auf Vernunft (und insofern apriorisch und nicht ausschließlich auf Mehrheitsentscheid) gegründete Werthierarchie gibt, ist doch kein Argument gegen die Position, die H. vertritt, da er doch an überzeugenden Beispielen darlegt, was er meint.
Deine Ableitung der Absurdität des Objektiven Idealismus ist wohl eher eine verbaler Taschenspielertrick.
Zur Erinnerung nochmals ein Auszug aus den relevanten Sätzen (S.251f):
Die Unumgänglichkeit materialer Prinzipien erhellt besonders, wenn man (…) an den Fall, wo kein einheitlicher Konsens vorliegt (denkt,…) Wie soll man in einem solchen Fall vorgehen, wenn man den Mehrheitsterror vermeiden will? Da die Transzendentalpragmatiker mit großer Klarheit begriffen haben, daß ohne Letztbegründung keine Ethik möglich ist, ist es erstaunlich, daß sie nicht einsehen, daß ohne materiale Prinzipien, ja ohne eine Wert- und Güterhierarchie kein rationaler Konsens über ethische Fragen zu erzielen ist (…)
Als Beispiel möchte ich hier folgendes anführen. Für A sei das Leben ein höherer Wert als die Ehre, für B gelte das Umgekehrte. A lehne Duelle daher ab, möchte sie verbieten, B hingegen befürworte sie. Wie sollen die beiden Kontrahenten sich je einigen? Offenbar nur, wenn man dem Konsens vorausgehende Argumente für eine Werthierarchie findet. Deren gibt es nun in der Tat einige. So kann man auf ein reales Voraussetzungsverhältnis verweisen – Ehre kann man in einem gewissen Sinne nur haben, wenn man lebt, und daher ist es sinnlos, um der Anerkennung durch den anderen willen sein Leben aufs Spiel zu setzen. Auch ein transzendentales Voraussetzungsverhältnis gibt Hinweise auf eine Werthierarchie – Vernunft ist sicher ein höherer Wert als Lust, weil die Vernunft über die Frage der Werthierarchie zu entscheiden hat. Doch geht es hier nicht darum eine Werthierarchie konkret zu entwickeln – dies ist zugegebenermaßen nicht einfach.(110) Worum es hier geht, ist die simple Einsicht, daß ohne eine solche apriorische Werthierarchie – deren Geltung nicht aus dem faktischen Konsens resultiert, sondern ihn erst rational zu machen vermag – die transzendentalpragmatische Hoffnung (damit meint er die konsensualen Diskursethiker) absurd ist, moralische Fragen rational lösen zu können. (Natürlich mag es sein, daß viele Werte nur subjektiv gültig sind – aber selbst dann brauchen wir den objektiven Wert der Toleranz, um zu sagen, daß in diesem Falle alle Parteien, die Werte der anderen respektieren müssen.)….
„Zur Wahrheit
…. Eine letztbegründete Ethik steht vor demselben Problem wie die Gottesbeweise. Empirische Belege gibt es nicht oder sie sind nicht hinreichend. Daher bleibt der logische Beweis. Und ein logischer Beweis ist abhängig von der Wahrheit der Voraussetzungen, auf denen er basiert und der Korrektheit der Ableitung. In Deiner Ableitung lässt sich z. B. c) betreiten: “c) Wer (im Hinblick auf Ethik) argumentiert setzt immer schon voraus, daß er im Diskurs zu wahren Ergebnissen gelangen kann. Wenn er das tut, hat er den Gesprächspartner schon als gleichwertig anerkannt.”
Dein Argument ist so nicht überzeugend: Die Basis der Konstruktion von H. ist das Argumentieren. Wenn ich argumentiere, will ich die Wahrheit sagen und zu wahren Ergebnissen kommen (in eine Argumentation über Ethik mit der Absicht einzutreten, zu lügen oder Unsinn zu erzählen, wäre an sich schon unethisch). Was nicht heißt, daß ich nicht irren kann.
Wenn ich argumentiere geschieht das doch nicht in den leeren Raum. Meine Argumente richten sich an einen Gesprächspartner, von dem ich erwarte, daß er mit den gleichen Absichten argumentiert, wie ich selbst. Darin liegt die Gleichwertigkeit des Partners. Natürlich kann der Partner sich auch irren.
“Eine solche Einstellung wäre vielleicht wünschenswert, aber sie kann keinen Anspruch auf Wahrheit erheben.“
Wenn Du diese Einstellung bestreiten willst, so doch nur dadurch, daß Du Den Partner nicht als Mensch anerkennst oder Dich der Argumentation verschließt. (Das habe ich in meiner letzten Antwort unter d abgehandelt.)
Was das Beispiel Christ/ Muslim betrifft, so sind es verschiedene Dinge, über den Glauben zu reden oder über die Ethik. Im Hinblick auf letztere bleibt mir nur immer wieder daran zu erinnern, daß letztbegründete Wahrheit nichts mit Offenbarung zu tun hat. Das Unternehmen der Letztbegründung ist ein zutiefst rationales. Es geht darum Sätze durch reflexiven Bezug auf ihre logische Konsequenz zu prüfen. Ich habe das oben dargelegt (z.B. Es gibt keine Wahrheit.)
Unter diesem Aspekt kann Offenbarung als solche keinen Anspruch auf letztbegründete Wahrheit erheben. Wohl folgt in diesem Fall das Gebot der Toleranz als ethische Norm aus der Anerkennung der Gleichwertigkeit des Gesprächspartners (s.o. Pkt.c). Pkt.c gilt allgemein!
“Ein Vertreter einer letzbegründeten Wahrheit (Religion oder Ideologie) kann sich natürlich auch die Diskussion sparen und direkt zu dem Schluß kommen, daß jeder der eine andere Meinung vertritt, dumm oder böswillig ist. Was hat der Objektive Idealismus dem entgegenzusetzen?“
Ich würde sagen, er hat die Pointe nicht verstanden. Du könntest letztlich sagen, wie soll man gegen ein Maschinengewehr argumentieren? Aber es ist doch offensichtlich, daß derjenige, der mit dem Maschinengewehr argumentiert, keinen Anspruch auf Rationalität gelten machen kann (s.o.Pkt d)
„Zum Naturalismus Was immer man dem Naturalismus vorwerfen kann, die Alternativen können ihren Wahrheitsanspruch nicht einlösen. Zumindest habe ich noch keinen zwingenden Beweis für die Wahrheit irgendeiner Religion, Ideologie oder Philosophie gesehen. Das gilt übrigens auch für den Naturalismus selbst.“
Du magst Recht haben was die Weltbilder als Ganzes betrifft. Dieser Wahrheitsanspruch geht aber weit über die Beurteilung der Wahrheit einzelner Sätze hinaus. Dabei gibt es eine Menge Fragezeichen. Was z.B. sind zwingende Beweise? Aber das ist eine andere Geschichte.
“e) Zur rationalen Argumentationsgemeinschaft gehören über die konkrete reale Gemeinschaft alle, die der rationalen Argumentation fähig sind.” Zu dieser Aussage kann man sich als Naturalist ganz zwanglos bekennen, weil sie selbstverständliche Grundlage der wissenschaftlichen Methodologie ist, auch wenn sie als Voraussetzung mit rationalen Argumenten zwar begründet, aber nicht im strengen Sinne bewiesen werden kann.
Damit haben wir, bezogen auf die Nazi-Frage doch dasselbe Ergebnis, nur ohne genötigt zu sein, das Unbeweisbare zu beweisen.“
Es ging bei der Nazifrage nicht um Beweise, sondern um die Frage, wie man gegenüber einem Nazi schlüssig argumentieren kann. Ich glaube, daß leisten die Punkte a bis e (s.o.) Ob darüber hinaus das Letztbegründungsunternehmen eine Sackgasse ist, sei dahingestellt. Mir scheint es ein überaus ehrenwerter Versuch, der Rationalität in ethischen Fragen Raum zu geben.
Viele Grüße
Hallo Leuchtspur,
es gibt da wohl ein Mißverständnis bzgl. dessen, was nach Hösles Meinung eine Begründung einer Ethik leisten können muß und was nach Hösles Meinung sein Letztbegründungdansatz leisten kann.
Ich hatte den Begriff Letztbegründung und den Hösle immer so verstanden, daß es sein Ziel ist, eine logisch gültige Ableitung einer Ethik aus letztbegründeten Sätzen zu formulieren oder irgendwie sonst zu einer letztbegründeten apriorischen Werthierarchie zu kommen. Und erst, wenn die gefunden wäre, sei es möglich moralische Fragen rational lösen zu können. Daß somit in der Ethik ein Wahrheitsbeweis möglich und erforderlich ist, und daher alle philosophischen Positionen, die dies nicht leisten ein moralisches Defizit haben („relativistisch“ oder gar absurd seien). Wenn diese Interpretation richtig wäre, würde sich sein Vorwurf der Absurdität wegen fehlender apriorischer Werthierarchie gegen ihn selbst richten, jedenfalls solange bis er eine entsprechende Werthierarchie vorzuweisen hat.
Zitat
„Dein Argument ist so nicht überzeugend: Die Basis der Konstruktion von H. ist das Argumentieren.“
Wenn deine Interpretation zuträfe, daß die Basis von Hösles Konstruktion das Argumentieren ist, und somit, nach Hösles Meinung, auch ohne apriorische Werthierarchie über Ethik rational argumentiert werden kann, würde sich das ja inhaltlich mit meinem Standpunkt decken, auch wenn ich den Begriff Letztbegründung in diesem Zusammenhang nicht verwenden würde.
Zitat
„Es ging bei der Nazifrage nicht um Beweise, sondern um die Frage, wie man gegenüber einem Nazi schlüssig argumentieren kann.“
Das ist ja auch meine Meinung, und insoweit der Hösle seinen Beitrag dazu leistet, ist das nur zu begrüßen.
Ein Letztes noch
Es gibt die Aussage, daß mit Hösles Objektivem Idealismus sowohl Naturalismus als auch Religion vereinbar seien.
Der Naturalismus schließt ein Wirken von Göttern im Diesseits (und damit auch eine Teleologie) aus und besagt zudem, daß man über ein Jenseits keine prüfbaren Aussagen machen kann. Akzeptiert man dies, bleibt von Religion, auch von einem „philosophisch gereinigten Christentum“ (Hösle), nicht mehr viel übrig. Will man mehr, hat man einen Widerspruch zum Naturalismus.
Man kann wohl beides haben, aber nicht logisch konsistent.
Wissenschaft und Aufklärung führen nun mal zur „Entzauberung der Welt“. Das Reden über das „Absolute“ und sein „Telos“ sind Versuche den alten Zauber, im neuen, „philosophisch gereinigten“ Gewand, wieder einzuführen.
mfg georg
Lb. Georg, es tut mir leid so lange keine Antwort geschrieben zu haben; jedoch andere, wichtige Pflichten….
Jetzt zur Sache:
„Es gibt die Aussage, daß mit Hösles Objektivem Idealismus sowohl Naturalismus als auch Religion vereinbar seien. Der Naturalismus schließt ein Wirken von Göttern im Diesseits (und damit auch eine Teleologie) aus und besagt zudem, daß man über ein Jenseits keine prüfbaren Aussagen machen kann. Akzeptiert man dies, bleibt von Religion, auch von einem “philosophisch gereinigten Christentum” (Hösle), nicht mehr viel übrig. Will man mehr, hat man einen Widerspruch zum Naturalismus.“
Nun, was meinst Du denn mit Naturalismus? Setzt Du ihn mit Naturwissenschaft gleich? (Wenn nicht, so ist die in diesem Naturalismus enthaltene Metaphysik (Materialismus) natürlich auch zu kritisieren. Aber das ist eine andere Geschichte) Das die Naturwissenschaft die Welt in einer Abstraktion beschreibt und nicht das Ganze schildert, ist wohl unstrittig. Es scheint aber so, daß viele, die sich Naturalisten nennen, berauscht von den Erfolgen der Naturwissenschaft das vergessen und glauben, nur noch quasi naturwissenschaftliche gesicherte Aussagen seien beachtenswerte. Einen solchen Standpunkt dann als aufgeklärt erklären ist doch mehr als verwunderlich.
Mal abgesehen davon, daß die Fragen, was Natur ist, was ein Naturgesetz ist, was Materie ist, was Zeit, warum die Mathematik auf die Natur paßt, von der Naturwissenschaft nicht beantwortet werden, fällt der gesamte Bereich der menschlichen Innensicht auch aus ihren Blickfeld.
Und was sind Deiner Meinung nach prüfbare Aussagen? Ist die Überzeugung der Mathematiker, daß die irdische Mathematik auch im Planetensystem xyz gilt oder sogar in allen Welten gilt, eine Annahme oder eine prüfbare Aussage?
Was das Telos betrifft, so ist der Begriff durch die Verbindung mit einem Handwerkergott, Plations Demiurg, vielleicht nicht mehr zu gebrauchen. Jedoch ist es unstrittig, daß das Universum eine Entwicklung macht und in ihm das Leben. Ob diese Entwicklung in max. Entropie und Sinnlosigkeit endet und damit letztlich auch das individuelle Schicksal, kannst Du ja mal überprüfen.
„Man kann wohl beides haben, aber nicht logisch konsistent. Wissenschaft und Aufklärung führen nun mal zur “Entzauberung der Welt”. Das Reden über das “Absolute” und sein “Telos” sind Versuche den alten Zauber, im neuen, “philosophisch gereinigten” Gewand, wieder einzuführen.“
Ob das alter Wein in neuen Schläuchen ist, sei dahin gestellt. Jedoch scheint es ein Symptom unserer Zeit zu sein, die Denkleistung vergangener Jahrhunderte mit rückständig und unaufgeklärt abzutun. Jedoch bleiben wir bei den philosophischen Positionen. Ich zitiere noch einmal Hösle (ebd.S.207f)
`Objektiv idealistisch ist eine Position dann, wenn sie annimmt, daß es synthetische Sätze apriori gibt und das diese Erkenntnis zugleich Erkenntnis von etwas der subjektiv-intersubjektiven Vernunft Vorausgehendem ist…..Andererseits stellt sich die Frage, wie ist es möglich, daß das apriorische Denken, also Denken, das ohne bezug auf eine Außenwelt operiert (z.B. Mathematik, lsp) die Wirklichkeit erfassen kann? Offenbar ist die einzig mögliche Antwort diese: Die Natur ist – wie im subjektiven Idealismus – nichts Geistfremdes, aber sie ist – wie im Realismus – nicht Prinzipiat des endlichen Geistes, sondern eines Prinzips, das Natur und endlichem Geist gleichermaßen vorausgeht.`(Zitatende)
Diese Prinzip ist ebenso die Quelle ethischer Werte und damit der Religion.
Zum Abschluß ein Zitat von Werner Heisenberg aus: Das Naturbild Goethes (http://www.geocities.com/Athens/6674/heisenberg.html)
„In der modernen Physik wird dieser Gedanke in folgender Weise verwirklicht: Es wird in mathematischer Sprache ein grundlegendes Naturgesetz formuliert, eine »Weltformel«, wie es gelegentlich genannt wurde, dem alle Naturerscheinungen genügen müssen, das also gewissermassen nur die Möglichkeit, die Existenz der Natur symbolisiert. Die einfachsten Lösungen dieser mathematischen Gleichung repräsentieren die verschiedenen Elementarteilchen, die genau in demselben Sinne Grundformen der Natur sind, wie Plato die regulären Körper der Mathematik, Würfel, Tetraeder usw., als die Grundformen der Natur aufgefasst hat. Auch sie sind, um wieder zu dem Streitgespräch zwischen Schiller und Goethe zurückzukehren, so wie Goethes Urpflanze »Ideen«, auch wenn sie nicht mit gewöhnlichen Augen gesehen werden können. Ob sie im Goetheschen Sinne angeschaut werden können, das hängt wohl einfach davon ab, mit welchen Erkenntnisorganen wir der Natur gegenübertreten. Dass diese Grundstrukturen unmittelbar mit der grossen Ordnung der Welt im ganzen zusammenhängen, kann wohl kaum bestritten werden. “
und
„Denn die ganz grossen Zusammenhänge werden in den Grundstrukturen, in den so sich manifestierenden platonischen Ideen sichtbar, und diese Ideen können, da sie von der dahinterliegenden Gesamtordnung Kunde geben, vielleicht auch von anderen Bereichen der menschlichen Psyche als nur von der Ratio aufgenommen werden, von Bereichen, die eben selbst wieder in unmittelbarer Beziehung zu jener Gesamtordnung und damit auch zur Welt der Werte stehen.“
Grüße!
Hallo Leuchtspur,
ich war schon der Meinung, unsere Diskussion sei zu einem Schluss gelangt.
Ich bin etwas überrascht, dass von Dir der Naturalismus inhaltlich nochmal angefragt wird. Ich war bisher der Meinung, Naturalismus sei ein so klares Konzept, dass man grundsätzlich entweder akzeptiert oder ablehnt.
Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, um mich bei Dir zu bedanken, dass Du mir, als bekennender Naturalist, hier die gelegenheit gibst, mir über meine eigene Weltsicht mehr Klarheit zu verschaffen. es ist ja oft so: Man liest etwas. denkt, alles deutlich vor augen zu haben und wenn man versucht, das schriftlich in eigenen Worten zu fixieren oder in einer Diskussion gegen eine andere Meinung zu vertreten, merkt man, dass es so klar und schlüssig doch nicht war.
Du hast in wenigen Sätzen viele Punkte angesprochen. Ich versuche, auf alle einzugehen.
Kamenin hat in seinem Disput mit Thomas Schärtl (an dem Du dich auch beteiligt hast), bereits einige kompetente Ausführungen zum Naturalismus geliefert. Ansonsten stütze ich mich auf die prägnante Darstellung in Gerhard Vollmer : Auf der Suche nach der Ordnung : Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild.
Hösles Ausführungen zum Objektive Idealismus habe ich mir auch nochmal vorgenommen. Die zitierte Stelle war bei mir auch schon angekringelt, weil sie mir gewichtig erschien. Ich musste allerdings ein philosophisches Wörterbuch zu Rate ziehen, um den Text zu entschlüsseln, weil mein Duden den Begriff Prinzipiat nicht kennt.
Eine Stellungnahme vorneweg: Sinn und Wahrheit
Es ist eine oft geäußerte behauptung, dass ohne den Glauben an transzendente Welten und übernatürliche Wesen das Leben sinnlos sei.
Selbst wenn diese Aussage richtig wäre besagt dies doch nichts über die reale Existenz solcher Welten und Wesen sondern legt vielmehr die Vermutung nahe, dass nicht das Streben nach wahrer Erkenntnis das primäre Motiv ist.
der Eindruck, dass das Streben nach Wahrheit nicht im Vordergrund steht drängt sich auch auf, wenn man beobachtet, wie im selben Maße wie die Aussagen der Wissenschaften immer differenzierter und detaillierter wurden das öffentliche Reden von Gott den entgegengesetzten Weg genommen hat.
Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Immunisierungsstrategie, bei der konkrete Aussagen immer weiter zurückgenommen werden, um der Kritik keinen Ansatzpunkt zu bieten und auf diese Weise das eigene Weltbild vor widerlegung zu schützen. Ein instruktives Beispiel für ein dieses Verfahren sind die Ausführungen von Thomas Schärtl über den „je größeren Gott“.
Ob das Leben ohne den Glauben an übernatürliche Wesen sinnlos ist? Das ist eine Einstellungssache. Kann man glauben, muss man aber nicht.
Und gleich hinterher: Die Vielfalt und das Absolute
„Dieses Prinzip ist ebenso die Quelle ethischer Werte und damit der Religion.“
religion wird häufig im Singular verwendet, obwohl sich dahinter eine unüberschaubare Vielfalt von höchst widersprüchlichen Aussagengebilden verbirgt. Was gibt und gab es nicht schon alles an Religionen. Von der der Azteken, die Menschenopfer gefordert hat, um das Ende der Welt zu verhindern, bis zu der der Zulus.
was dem einen Gottesdienst ist und Garantie für ewiges Leben ist dem anderen Gotteslästerung und Garantie für ewige Verdammnis.
Nimmt man die Aussagensysteme aller Religionen und streicht die sich widersprechenden raus (widersprechen sich zwei, werden beide gestrichen) dann bleiben doch allenfalls ein paar Allgemeinplätze über, falls überhaupt.
Das wäre doch höchst merkwürdig: Ein Absolutes, das in der Lage ist gezielt Welten zu schaffen ist nicht fähig oder Willens sich klar zu äußern.
Naturalismus und Metaphysik
„so ist die in diesem Naturalismus enthaltene Metaphysik (Materialismus) natürlich auch zu kritisieren“
Naturalismus enthält Metaphysik. Irgendwo muss man anfangen. Ganz ohne unbewiesene Voraussetzungen wird man kaum auskommen. was der Naturalismus beansprucht ist eine Minimalmetaphysik (Ockhams Rasiermesser).
Das halte ich nicht für problematisch. Wenn man sich unter dem Begriff Metaphysik keine geheimnisvolle Wunderwelt vorstellt, welche auf unerklärliche Weise mit den physikalischen Objekten dieser Welt Informationen austauscht, kann man diesen Begriff auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen verwenden.
Die Metaphysik kann man kritisieren. Der Naturalismus ist durch die Kritik überkommener Vorstellunngen entstanden. Kritik hilft da weiter.
Eine Philosophie mit Letztbegründungsanspruch, die hat ein Problem mit ihrem eigenen Anspruch, wenn man ihr nachweist, dass sie unbewiesene Voraussetzungen enthält.
Naturalismus, Natur und Wissenschaft
Naturalismus bedeutet, die Natur aus sich selbst heraus zu erklären, ohne Zuhilfenahme von übernatürlichen Wesen. Natur in diesem Sinne ist die Welt einschließlich des Menschen, des menschlichen Geistes und der menschlichen Gesellschaft.
Mit der Aussage, dass übernatürliche Wesen in der diesseitigen Welt keine aktive Wirkung ausüben hat man den Naturalismus in seiner schwachen Form. Setzt man Ockhams Rasiermesser an und sagt: Wenn sie hier nichts tun, dann gibt es sie gleich gar nicht, hat man den Naturalismus in seiner starken Form.
Auch wenn der Begriff Naturalismus aus dem Begriff Natur abgeleitet wurde, heisst das nicht, dass deshalb den Naturwissenschaften ein Vorrang zu kommt.
der Naturalismus ist in seinem Gegenstandsbereich beschränkt. Dieser wird durch die einzelnen Erfahrungswissenschaften (Natur- und Sozialwissenschaften) abgedeckt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Naturalist zu Themen für die es keine erfahrungswissenschaftlichen Aussagen gibt, eine relativistische oder nihilistische Einstellung einnehmen muss.
Wenn z. B. eine Religion keine Aussagen zu Speisen macht, würde doch auch niemand deren Anhänger als relativistisch „die fressen alles“ oder nihilistisch „vom Essen halten die garnichts“ bezeichne.
Genausowenig, wie er den Standpunkt einnehmen muss, dass alle Aussagen entweder wissenschaftlich wahr oder falsch oder unsinnig seien.
Solche Meinungen wurden zeitweise von einigen Protagonisten des Wiener Kreises (auch Neopositivismus oder logischer Empirismus genannt) vertreten.
Manche Bereiche fallen aus dem Blickfeld des Naturalismus. das bedeutet aber noch lange nicht, dass ein Naturalist diesen Bereichen ihren Wert absprechen muss.
Es wird kaum vorkommen, dass sich jemand abfällig über ein Gemälde äußert, mit der Begründung, dass sich aus dem Naturalismus keine Präferenz für eine bestimmte Farbverteilung auf der Leinwand ableiten ließe oder ein Bild müsse den abgebildeten Gegenstand realistisch darstellen.
Es steht jedem frei sich Themen zuzuwenden, die vom Naturalismus nicht abgedeckt werden.
Abfällige Äußerungen bzgl. Sinn und Moral hört man öfter von Leuten, die sich mit höheren Mächten im Bunde wähnen, seltener von Naturalisten.
Prüfbare Aussagen an Beispielen: Ferne Planeten und Zuerst mal, was nicht verlangt wird: Es wird nicht, dass man nur solche Aussagen als wahr anzuerkennen habe, die in Labors experimentell überprüft wurden.
Und es wird auch nicht verlangt, dass nur Aussagen als wahr anerkennt werden, wenn sie in allen möglichen Fällen überprüft wurde (Humes Induktionsproblem).
Zur Frage nach den fremden Planeten
Wenn die daten, die man bisher über andere Himmelskörper gesammelt hat (astronomische Beobachtungen, Radioteleskope, Meteoriteneinschläge usw)
übereinstimmend mit der Annahme verträglich sind, dass die uns bekannten Naturgesetze auch dort gelten, ist es ein üblicher Schluss, dies auch für unbekannte Himmelskörper als wahr anzuerkennen.
Vieles was man heute über die Entwicklung des Universums und des Lebens weiß, ist indirekt erschlossen und extrapoliert und wird vielleicht in Zukunft als falsch oder unvollständig erkannt werden. trotzdem ist es nach derzeitigem kenntnisstand objektive (personenunabhängige) geprüfte (mit den bekannten Daten abgeglichene) Wahrheit.
Mathematik und Wahrheit
Die M ist ein formales System, für das Axiome und Regeln definiert sind. Formale Systeme sind, wenn sie widerspruchsfrei sind, logisch wahr, unabhängig von der realen Welt. M lässt sich erfolgreich anwenden, d.h. führt zu wahren Aussagen, insoweit die entsprechenden Objekte der realen Welt sich den mathematischen analog verhalten.
Warum passt die M auf die Welt.
Das resultiert aus der Tatsache, dass M eine Vielzahl von logischen Möglichkeiten beschreibt. Von dieser Vielzahl korrepondieren manche mit der realen Welt. Z. B. lassen sich unendlich viele Geometrien mathematisch beschreiben und manche passen halt. Besonders geheimnisvoll finde ich das nicht.
Für Kant war es noch höchst erstaunlich, dass das dem Menschen angeborene räumlich Vorstellungsvermögen, die reale Welt und die ein wahre Euklidsche Geometrie so perfekt harmonieren. 200 Jahre später hat sich das relativiert. das menschliche Vorstellungsvermögen hat sich über hundertausende von Generationen in Auseinadersetzung mit der Umwelt entwickelt und die passende Geometrie ist nur eine von unendlich vielen denkbaren.
Heisenberg und die platonische Welt der Ideen
Es ist ein weitverbreitetes Bedürfnis die Welt (und damit sein Rolle darin und damit auch sich selbst) metaphysisch zu überhöhen. Davor sind auch Physiker nicht gefeit.
Physiker sind dafür möglicherweise sogar besonders anfällig. Diese platonische Sichtweise ist unkritisch und vielleicht auch nützlich, solange man diesen Ideen keine eigenständige physikalische Wirksamkeit zuschreibt.
Ich glaube es war Einstein, der sinngemäß gesagt hat, wenn man etwas über die wissenschaftstheorie der Physik erfahren will, soll man nicht auf das hören, was Physiker sagen, sondern das beobachten, was sie tun.
Die Entwicklung und das Telos
„Was das Telos betrifft, so ist der Begriff durch die Verbindung mit einem Handwerkergott, Plations Demiurg, vielleicht nicht mehr zu gebrauchen. Jedoch ist es unstrittig, daß das Universum eine Entwicklung macht und in ihm das Leben.“
Es ist unstrittig, dass das Universum und in ihm das Leben eine Entwicklung durchmacht. Das ist eine Erkenntnis von Kosmologie und Evolutionstheorie. Der Begriff Telos stößt nicht deshalb auf keine Gegenliebe, weil es Vorurteile gegen Handwerker gibt, sondern weil dieser Begriff erstens eine planende Intelligenz und zweitens ein im vorhinein festgelegtes Ziel der evolutionären Entwicklung impliziert. Beides widerspricht der Theorie (und auch dem Naturalismus) und findet keine Bestätigung in den Daten (siehe dazu z. B. Ernst Mayr : das ist Evolution).
Objektive Hegelei
„Jedoch scheint es ein Symptom unserer Zeit zu sein, die Denkleistung vergangener Jahrhunderte mit rückständig und unaufgeklärt abzutun.“
Man darf doch wohl erwarten, dass auch wenn man ältere Gedanken aufgreift, neu Erkenntnisse auch inhaltlich reflektiert werden und nicht nur eine oberflächliche Maskerade stattfindet, damit beim ersten Hinschauen die Widersprüche nicht auffallen.
`Objektiv idealistisch ist eine Position dann, wenn sie annimmt, daß es synthetische Sätze apriori gibt und das diese Erkenntnis zugleich Erkenntnis von etwas der subjektiv-intersubjektiven Vernunft Vorausgehendem ist…..Andererseits stellt sich die Frage, wie ist es möglich, daß das apriorische Denken, also Denken, das ohne bezug auf eine Außenwelt operiert (z.B. Mathematik, lsp) die Wirklichkeit erfassen kann? Offenbar ist die einzig mögliche Antwort diese: Die Natur ist – wie im subjektiven Idealismus – nichts Geistfremdes, aber sie ist – wie im Realismus – nicht Prinzipiat des endlichen Geistes, sondern eines Prinzips, das Natur und endlichem Geist gleichermaßen vorausgeht.`
Die Stelle hatte ich, wie gesagt, auch angekringelt und versucht herauszufinden, was er wohl möchte, man sich vorstellen soll, wenn man sie liest.
Nimmt man aus dem letzten Satz die Einschübe heraus, erhält man:
Die Natur ist … nicht Prinzipiat des endlichen Geistes, sondern eines Prinzips, das Natur und endlichem Geist gleichermaßen vorausgeht.
Endlicher Geist, das sind wohl Lebewesen, wie z.B. der Mensch. Nimmt man das heraus erhält man:
Die Natur ist Prinzipiat eines Prinzips, das Natur vorausgeht.
Prinzipiat ist, wie gesagt ein Begriff, den mein Duden nicht kennt.
Mein Versuch herauszufinden, was denn damit ausgesagt werden soll, hat zu folgendem ergebnis geführt:
Es gibt ein mächtiges, des denkens fähiges wesen, genannt „Das absolute“, dass diese Welt geschaffen hat. Und es hat diese Welt absichtsvoll so geschaffen, dass darin notwendig intelligentes Leben „endliche Vernunftwesen“ entsteht. Und das Absolute hat außerdem für diese endlichen Vernunftwesen ein bestimmtes Ethos vorgesehen, genannt „Das Sittengesetz“. Und geplant ist das ganze so, dass sich von den endlichen Vernunfzwesen einige eine Philosophie entwickeln, genannt „Objektiver Idealismus“, die es ihnen ermöglicht dieses Sittengesetz zu erkennen und zu verbreiten. Die Welt wurde gezielt so geschaffen, dass dies notwendig Eintritt. Ist dies erfolgt, ist das „Telos“ erreicht.
Zur Illustration noch ein Zitat:
„Es mag wohl sein, daß die Schöpfung in einem ‘Akt des Würfelns’ bestand, in dem sich das Absolute gleichsam selbst, in eine partielle Kontingenz entäußerte – aber, um sich metaphorisch auszudrücken, das Polyeder, daß das Absolute warf, hatte weniger Seiten, die Entäußerung war weniger radikal, als einige anzunehmen geneigt sind. (S. 229)“
Kann man dieses Hegelsche Geschwurbel auch in klarem Deutsch formulieren?
Wenn ich in einem an die Allgemeinheit gerichteten Text über unbekannte Begriffe und kaum verständliche Formulierungen stolpere, frage ich mich ob die Komplexität des Themas dies erfordert, ob der Autor aus gedankenlosigkeit ihm geläufige Formulierungen verwendet, ohne zu berücksichtigen, dass ein Teil seiner Leser nicht über das entsprechende fachvokabular verwendet oder ob es sich dabei um ein rhetorisches Mittel handelt, das nicht Erklärung zum Ziel hat, sondern Erklärung vortäuschen soll. Hegelei eben.
Hösles Philosophie steht mit der Annahme eines Schöpfungsprinzips und einer darauf basierenden Teleologie im Gegensatz zu Evolutionstheorie und Naturalismus. er weist auf diesen Gegensatz aber nicht hin, geschweige denn diesen inhaltlich zu reflektieren und zu begründen. er versucht im Gegenteil den Eindruck zu erwecken, das sei alles irgendwie kompatibel und letztbegründet. die Evolutionstheorie wird beiläufig erwähnt und Zustimmung geäußert (S. 210). Er behauptet da sogar, dass diese für den Gang seiner Argumentation vollständig irrelevant sei.
Passend dazu hat sich der Hösle noch eine entsprechende Philosophiegeschichtstheorie zugelegt, nach der der Objektive Idealismus der Abschluss einer Entwicklung ist, „die vom Naturalismus über den subjektiven Idealismus zum objektiven Idealismus führt“ (S. 205). Hierin folgt er ebenfalls Hegel, der auch schon seine Philosophie als Krönung der Philosophiegeschichte gesehen hat.
Die Evolutionstheorie abzunicken und dann eine kosmische Teleologie zu konzipieren, ohne zu dem Widerspruch Stellung zu nehmen, in der Hoffnung, dass es seinen lesern nicht auffällt, finde ich schon dreist.
Es gibt Wahrheit! Aber die gibt es nicht dort, wo man Widersprüche überdeckt oder sich in unklare philosophische Formulierungen flüchtet, weil man Kritik vermeiden möchte.
Auf S. 27 schreibt er dass innere Konsistenz eine notwendige Bedingung für Moralität ist. Aber damit meint er nicht sein Buch.
mfg georg
Hallo Leuchtspur,
mir sind mittlerweile noch ein paar Ergänzungen eingefallen.
Letztbegründung und Logik
„Letzbegründet“ ist, nach Hösle (S. 163), ein Satz, „wenn er
a) nicht ohne pragmatischen Selbstwiderspruch bestritten und
b) nicht ohne dass seine Geltung vorausgesetzt wird, bewiesen werden kann“
Ein Beweisverfahren, dass das zu Beweisende als wahr voraussetzt, wird üblicherweise nicht als gültig anerkannt.
Ein Beweisverfahren, bei dem das zu Beweisende bereits als wahr voraussetzt wird, erweckt bei mir den Eindruck, als habe Hösle sich da eine rhetorische Wunderwaffe zurechtgebastelt, so ähnlich wie die dialektische Methode bei Hegel.
Die Beispielsätze hingegen, die Hösle als letztbegründet bezeichnet (Es gibt Seiendes, Es gibt wahre Erkenntnis, Wahre Erkenntnis kann intersubjektiv mitgeteilt werden) sind von geradezu erstaunlicher Banalität.
Ich glaube jedoch an das Potential dieser Methode. Auf S. 178 findet sich die folgende vielsagende Formulierung:
„Die dem Letzbegründungsbeweis zuzuordnende Struktur ist daher eine reflexive, sich selbst begründende, sich als sich selbst begründend begründende Struktur, die sich in dem der sie denkt, selbst denkt.“
Eine sich selbst begründend begründende Struktur, die sich selbst denkt. Das ist absolut überirdisch!
Niko Strobach stellt in „Einführung in die Logik“ zum Thema Letzbegründung fest: „Ohne Prämissen gibt es kein Argument. Es ist illusorisch, dass man irgendetwas beweisen kann, ohne etwas vorauszusetzen, auch wenn es in der Philosophiegeschichte immer wieder Versuche gegeben hat, ein solches Zauberstück zustande zu bringen.“ (S. 72)
Hösle mag das „eine törichte Form von Inkonsistenz“ nennen (S. 154), es ist aber eine nicht nur unter Logikern verbreitete Ansicht und zudem sollte man doch meinen, dass Logiker gelernt hätten, Inkonsistenzen zu erkennen und zu vermeiden.
Inkonsistent ist es, 150 Jahre nach Darwin, eine kosmische Teleologie zu behaupten und dabei den Eindruck zu erwecken, dies sei mit den Wissenschaften kompatibel.
Synthetisch-apriorische letztbegründete Wahrheit
„Objektiv-idealistisch ist eine Position dann, wenn sie annimmt, dass es synthetisch-apriorische Erkenntnis gibt …“ (S. 207)
„Diese objektive Vernunft … ist Gegenstand des Denkens. … Sie ist der Inbegriff aller apriorischen Wahrheiten, die das Sein der Welt bestimmen und von dem endlichen Denken im Rückgang auf sich selbst erfaßt werden.“ (S. 208)
„Im Rückgang auf sich selbst“, darauf muss man erst mal kommen!
Das ist gute alte deutsche Philosophie. Sie stellt wuchtige Aussagen in den Raum, ohne sich um überflüssige Details zu kümmern.
Hösle hält es nicht für erforderlich den Begriff „synthetisch-apriorische Erkenntnis“ zu erläutern geschweige denn, diesen zu hinterfragen oder eine Begründung für derartige Behauptungen zu liefern. Ist ja schließlich eh alles letztbegründet, oder?
Er hält es auch nicht für erforderlich, zumindest ein paar der „apriorischen Wahrheiten“ aufzulisten, die „von dem endlichen Denken im Rückgang auf sich selbst erfaßt werden“.
Das alles überlässt er lieber der Phantasie des geneigten Lesers. Das freie Assoziieren, das hier wohl gefordert ist, bringt mich auf einen anderen Punkt.
Möglicherweise führen gegensätzliche philosophische Positionen nicht nur zu inhaltlichen Differenzen, sondern auch zu Unterschieden im Argumentationsstil. Autoren, die sich dem Kritischen Rationalismus zurechnen lassen (z. B. Karl Popper, Hans Albert, Gerhard Vollmer) bemühen sich erkennbar darum, zu argumentieren und deutlich zu machen, was beweisbares Wissen, was Meinung und was Vermutung ist.
Im Unterschied zu Hösle gibt es in Vollmers „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ eine richtige Argumentation zum Thema „Kantisches Apriori“.
Und damit wieder zum Thema:
Analytische Sätze sind aus Definitionen abgeleitete logisch wahre Aussagen. Synthetische Sätze sagen mehr aus, als in den Definitionen enthalten ist. Apriori bedeutet vor aller Erfahrung. Synthetische Erkenntnis apriorie, im Sinne Kants, soll bedeuten, es gibt, vor aller Erfahrung aus dem reinen Denken abgeleitete synthetische Sätze, die notwendig wahre Aussagen über die Welt machen.
Für die Mathematik, wie am Beispiel der vielen möglichen mathematisch beschreibbaren Geometrien gezeigt, trifft dies in zweifacher Weise nicht zu. Zum einen ist die Mathematik axiomatisiert. Mathematische Sätze werden aus Axiomen abgeleitet und sind somit analytisch. Zum zweiten gibt es in der Mathematik kein Kriterium, das besagt, welche der möglichen Geometrien auf die reale Welt passen. Schon daher gibt es keine notwendige Wahrheit in Bezug auf die Welt.
Von Einstein gibt es ein passendes Zitat: „Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit“
Jedes Individuum verfügt über angeborenes Weltwissen. Insoweit gibt es synthetische Erkenntnis a priori (vor jeder individuellen Erfahrung). Es gibt aber keinen hinreichenden Grund zu der Annahme, dass dieses notwendig wahre sichere Erkenntnis ist.
Hösle weiß schon, warum er keine Begründung und kein Beispiel liefert.
Fazit
Das Letzbegründungsunternehmen ist allein schon aus logischen Gesichtspunkten ein sehr fragwürdiges Unterfangen.
Notwendig wahres Apriori-Wissen über die Welt hat man bisher auch noch nicht entdeckt, zumindest kein gehaltvolles.
Die von Hösle behauptete kosmische Teleologie widerspricht dem Naturalismus, der Evolutionstheorie und findet keine Bestätigung in den bekannten Daten.
Das einzige, was sich über das Absolute mit Bestimmtheit aussagen lässt, ist, dass es offenbar großen Wert darauf legt, keine Spuren zu hinterlassen.
Hegelei ist ein Holzweg
mfg georg
Hallo Georg!
Auch ich möchte mich bei Dir für Deine pointierten Beiträge bedanken, ist doch die Kritik einer Position immer auch ein Prüfstein für ihre Überzeugungskraft. Ich denke zu Vielem, zur Letztbegründung, zur Ethik, zum Objektiven Idealismus sind die Positionen deutlich beschrieben und können überdacht werden.
Ich möchte nur noch einige Anmerkungen zu theologischen Aspekten machen, obwohl ich auf diesem Gebiet nur eine Alltagskompetenz vorweisen kann:
1) Du sagst, daß das öffentliche Reden von Gott abgenommen habe. In gewisser Weise magst Du Recht haben. Religion und vor allem Kultus hat im öffentlichen Leben nicht mehr den Stellenwert wie etwa noch vor ca.fünfzig Jahren. Aber es ist doch nicht so, daß eine naturalistische Philosophie diesen Platz eingenommen hat. – Schaut man etwas genauer hin, wird man wohl bei unterschiedliche Sozietäten zu differenzierteren Urteilen kommen (christliche Jugendtreffen, atheistischer Kulturkampf, Konsumgesellschaft, Muslime, o.a.)
Naturwissenschaftler als solche haben i.d.R. keinen Anlaß über Gott zu reden. Solide Naturwissenschaftler sind sich darüber hinaus ihrer selektiven Sicht bewußt. Gelegentlich treten solche auf (z.B.Dawkins), die mit ihrer naturwissenschaftlichen Reputation missionarische Arbeit leisten, so wie früher Kleriker auftraten, die sich als Naturwissenschaftler aufspielten (Wilberforce). (Eine beachtenswerte Stimme, die Naturwissenschaft und Glauben auseinanderhält ist der Biologe Peter Sitte in seinem Vortrag Schöpfung oder Evolutuion im Forum Grenzfragen.)
2) Die alte Formulierung vom „je größeren Gott“ wie sie Thomas Schärtl gebraucht hat, hat meiner Meinung nach nichts mit Immunisierung zu tuen. Es ist doch wohl eher ein Ausdruck, der deutlich macht, daß bestimmte Gottesbilder zu bestimmten Zeiten defizitär sind, ohne das die Gottesfrage als solche betroffen ist. Wenn man erkennt, daß ein Handwerkergott zu klein gedacht ist, wird man den Ausspruch vom „je größeren Gott“ doch mit Staunen und Demut sagen können. (Am Rande: Atheisten haben als Sparringspartner ein überkommenes Gottesbild, das sie sich auch nicht nehmen lassen möchten. Insofern scheint mir der kulturkämpferische Atheismus die Kehrseite einer nicht mehr glaubwürdigen oder falsch verstandenen Religion zu sein. An der philosophischen Basis herrscht wahrscheinlich eher ein argumentatives Patt, was nur durch subjektive Erfahrung entschieden wird.)
Viele Grüße
PS.
Dein Nachtrag erreichte mich nachdem ich den obigen Kommentar geschrieben hatte, deswegen hier eine kurze Antwort zu diesem Kommentar:
Was unter Letztbegründung zu verstehen ist und wie sie sich von einer klassisch logische Konstruktion mit Prämisse etc. unterscheidet habe ich in Antwort 17 schon angesprochen. Es ist gerade im Hinblick auf das Münchhausentrilemma (S.126) genauer ausgeführt.
„Die dem Letzbegründungsbeweis zuzuordnende Struktur ist daher eine reflexive, sich selbst begründende, sich als sich selbst begründend begründende Struktur, die sich in dem der sie denkt, selbst denkt.“ Eine sich selbst begründend begründende Struktur, die sich selbst denkt. Das ist absolut überirdisch!“
Das mag zwar so scheinen, aber wenn Du den gesamten Abschnitt berücksichtigst, so ist mit der Struktur die logische Struktur gemeint. Dann erscheint mir der Satz nicht überirdisch.
„Inkonsistent ist es, 150 Jahre nach Darwin, eine kosmische Teleologie zu behaupten und dabei den Eindruck zu erwecken, dies sei mit den Wissenschaften kompatibel.“
Ich erinnere daran, was ich in einer meiner letzten Antworten dazu geschrieben habe. Wenn Kosmologen behaupten (und sie haben Gründe, aber möglicherweise nicht alle) daß das Universum in Kälte erstarrt oder in einem erneuten Feuerball zusammenbricht, so ist das doch auch eine „Teleologie“, eine sinnlose zwar und damit sicher eine andere als die von Teilhard de Chardin z.B. -aber ich bin gar nicht sicher, ob die kosmolgische Sicht nicht auch eine defizitäre ist, eine Abstraktion, so wie Naturwissenschaft an sich eine Abstraktion ist. – Jedoch weiß ich über Teleologie zu wenig, ich werde mich damit noch einmal beschäftigen.
„Hösle hält es nicht für erforderlich den Begriff „synthetisch-apriorische Erkenntnis“ zu erläutern geschweige denn, diesen zu hinterfragen oder eine Begründung für derartige Behauptungen zu liefern. Ist ja schließlich eh alles letztbegründet, oder? Er hält es auch nicht für erforderlich, zumindest ein paar der „apriorischen Wahrheiten“ aufzulisten, die „von dem endlichen Denken im Rückgang auf sich selbst erfaßt werden“.
Nun, das ist eine eher schwache Replik. Synthetisch apriorische Sätze sind für ein philosophisch interessiertes Publikum keine ernsthafte Hürde. Beispiel dazu hat Kant diskutiert. Beispiele sind: Der Satz vom Grund, Das Induktionsprinzip, Der kategorische Imperativ. Das alles eine Ursache hat, ist keine Erfahrungserkenntnis, zu der es, sollte man sie als solche bezeichnen, eine Alternative gäbe. Zum Induktionsproblem s.S 78
Zu guter Letzt:
„Jedes Individuum verfügt über angeborenes Weltwissen. Insoweit gibt es synthetische Erkenntnis a priori (vor jeder individuellen Erfahrung). Es gibt aber keinen hinreichenden Grund zu der Annahme, dass dieses notwendig wahre sichere Erkenntnis ist.“
Der Hinweis auf Basisaussagen der „Evolutionären Erkenntnistheorie“ im Zusammenhang mit der synthetisch apriorischen Erkenntnis ist doch primär eine Aussage zur Entstehung dieser angeborenen Erkenntnis (Genese) und nicht automatisch auch eine geltungstheoretische Aussage. D.h. unserer Vorstellung vom Raum (->euklidische Geometrie) liegt eine Gesetzmäßigkeit in der außer uns existierenden Natur zugrunde, ohne daß damit gesagt ist, daß diese angeborene Kenntnis das Ganze darstellt, was sie ja nicht tut. Sie ist aber doch keineswegs falsch und sie läßt sich auch nicht durch eine Deiner vielfältigen anderen Geometrien falsifizieren oder ersetzen.
Nochmals viele Grüße!
Hallo Leuchtspur,
das mit dem argumentativen Patt sehe ich nicht so.
Die falsch verstandene Religion
Diese falsch verstandene Religion ist z. B. immer noch offizielles Dogma der katholischen Kirche mit all ihren Heiligen, den drei göttlichen Personen, die angeblich nur eine sind, usw. Hösle propagiert die religiöse Erziehung von Kindern (S. 263). Man kann sich lebhaft vorstellen, was Kindern dabei alles erzählt wird. Bestimmt keine Geschichten über den von den allergröbsten Anthropomorphismen gereinigten Gott der Philosophen, sondern die angeblich falsch verstandene Religion. Das ist die gelebte Realität der Religion.
Zum Begriff Teleologie
Der Begriff Teleologie impliziert einen Akteur, der ein Ziel setzt bzw. absichtsvoll ein Ziel verfolgt. Er impliziert ferner, dass dieses Telos einen Zustand kennzeichnet, der werthaft vor anderen Zuständen ausgezeichnet ist, das verfolgen dieses Zieles also sinnvoll ist. Eine „sinnlose Teleologie“ ist ein Widerspruch in sich. Teleologie ist ein Überbleibsel, einer anthropomorphen Weltsicht, in der das was Menschen tun, auf die Natur übertragen wurde, um eine Erklärung zu erhalten, für etwas, das man sonst nicht erklären konnte.
Allein aus der Tatsache, dass Hösle den Begriff Teologie verwendet, auch wennn es die mehr oder weniger deutlichen Verweise auf die christliche Religion nicht gäbe, loeße sich schließen, dass er ein religiöses Weltbild verkündet, das mit Evolutionstheorie und Naturalismus nicht vereinbar ist.
Die sich selbst denkende logische Struktur
„Die dem Letzbegründungsbeweis zuzuordnende Struktur ist daher eine reflexive, sich selbst begründende, sich als sich selbst begründend begründende Struktur, die sich in dem der sie denkt, selbst denkt.“
Hierbei handelt es sich um einen Kategorienfehler. Eine Struktur denkt nicht. Man kann in Metaphern sprechen, aber nicht so.
Man mag sich ein Wesen phantasieren, das denken kann und die Fähigkeit besitzt, das Gedachte handelnd zu verwirklichen und dieses wesen Gott nennen. Das ist dann wenigstens sprachlich korrekt. Ersetzt man in Hösles Geschwurbel den begriff Struktur durch Gott, um es in eine verstehbare Form zu bringen, erhält man:
Der dem Letzbegründungsbeweis zuzuordnende Gott ist daher ein reflexiver, sich selbst begründender, sich als sich selbst begründend begründender Gott, der sich in dem der ihn denkt, selbst denkt.
Das ist immer noch ziemlich unverständlich, aber man kann immerhin erahne, was damit gemeint sein könnte: Nämlich Anselms ontologischer Gottesbeweis in der Hegelschen Form, wobei der Hegelsche Geist unter dem Namen „Struktur“ auftritt.
Indem Hösle sich seinen Gott denkt, hat er ihn letztbegründet bewiesen.
Hösle behauptet, dass es sich bei seiner Argumentation um eine logisch saubere Letztbegründung handelt. Nun ist es allgemein bekannt und auch weitgehend Konsens, dass es einen Gottesbeweis nicht gibt. Allein das weckt den Verdacht, dass es in Hösles Argumentation nicht überall mit rechten Dingen zugeht.
„Im Philosophen, der den Letzbegründungsbeweis denkt, ist das Absolute präsent; er hat teil an einer Struktur, die das Prinzip alles Seins, aller Erkenntnis, allen Wertes ist.“ (S. 178)
Na, herzlichen Glückwunsch zur Präsenz des Absoluten!!!
Spätestens an dieser Stelle erkennt man, dass man das Ganze nicht ernst nehmen kann.
Evolutionäre Erkenntnistheorie und synthetisch-apriorische Erkenntnis
Die Frage, ob es synthetisch-apriorische Erkenntnis im Sinne Kants als notwendig (!) wahre Erkenntnis der Welt gibt, schein mir von Bedeutung zu sein. Denn wenn es diese gäbe, und man hätte ein Instrument, um diese zu erkennen ließe sich möglicherweise, in gewissem Umfang, auf dieser Basis, tatsächlich so etwas wie eine letztbegründete Philosophie realisieren. Diese hätte dann gegenüber den Erfahrungswissenschaften zudem den Vorteil, dass ihre Erkenntnisse notwendig (!) wahr sind.
Wenn ich den Hösle durchblättere, finde ich immer wieder Aussagen, die sind so falsch dass man sie nicht unwidersprochen lassen sollte. Z. B. wird da in einer Fußnote (S. 111) über die evolutionäre Erkenntnistheorie behauptet, dass sie das Geltungsproblem nicht nur nicht gelöst, sondern nicht einmal als Problem erfasst habe. Er hält es aber nicht für erforderlich diese Behauptung näher zu erläutern und zu begründen, noch, nur ein Beispiel dafür anzuführen, dass er da mehr vorzuweisen hat (was durch die Behauptung ja wohl intendiert wird).
Tatsächlich macht die Evolutionäre Erkenntnistheorie gehaltvolle und begründete (!), auf der Evolutionstheorie basierende, Aussagen über die Geltung von Erkenntnis.
Dazu ein paar ausgewählte Zitate aus Gerhard Vollmers Evolutionäre Erkenntnistheorie, im folgenden EE genannt.
„Es ist eines der wichtigsten Gesetze der Evolutionstheorie, dass die Anpassung einer Spezies an die Umwelt nie ideal ist.“ „Somit erscheinen sowohl die allgemein anerkannte Tatsache, dass unser (biologisch bedingter) Erkenntnisapparat, nicht vollkommen ist, als auch ihre Erklärung als unmittelbare Folgerung der Evolutionären Erkenntnistheorie.“ (EE S. 118)
„Aus dem Passungscharakter des Erkenntnisapparates erklären sich nicht nur seine Beschränkung, sondern auch seine Leistung.“ (EE S. 119)
„Notwendige Wahrheiten über die Welt gibt es nicht.“ (EE S. 129)
Das ist es, was die EE über die Geltung notwendiger apriorischer Erkenntnis über die Welt aussagt: Sie gilt nicht.
Hösle erwähnt die Tatsache, dass die Newtonsche Mechanik zu Unrecht für apriorisch wahr gehalten wurde und äußert die Vermutung, dass sich eine zukünftige Physik „auf einige elementare, philosophisch begründbare Axiome zurückzuführen sein wird“. (S. 79) (Hegel hatte auch schon behauptet, die Axiome der Mathematik ließen sich philosophisch begründen.)
Wenn man sich genau anschaut, was da passiert ist, sieht man, das das Gegenteil richtig ist. Kant hat im Nachgang (!) die in der Newtonschen Physik verwendete Mathematik, und Konzepte, wie den auf der euklidischen Geometrie basierenden absoluten Raum, absolute Zeit, Kausalität als a priori synthetische notwendige (!) Wahrheiten behauptet. Relativitätstheorie und Quantenphysik haben gezeigt, dass diese Konzepte weder notwendig, noch, im strengen Sinne, allgemeingültig wahr sind. Allein aus der Tatsache, dass es mehrere möglichen mathematischen Geometrien gibt, folgt schon, dass es keine a priori notwendig wahre gibt. Es fehlt nämlich das logische Kriterium (a priori), diese zu erkennen. (Diese Pointe hast Du übersehen.)
Zuerst war empirische Wissenschaft (Newton). Dann hat Philosophie a priori-synthetische Erkenntnis behauptet (Kant). Später hat empirische Wissenschaft sich korrigiert (Einstein, Plank, …). Unbeeindruckt behauptet Philosophie (Hösle) weiterhin die Existenz a priori-synthetischer Erkenntnis im Sinne Kants, aber bezeichnenderweise ohne Beispiele zu liefern.
Wenn an dem ganzen a priori-Gerede etwas dran wäre, würde das anders funktionieren:
Philosophie würde a priori-Aussagen ableiten und die Wissenschaften würden diese erfolgreich empirisch prüfen. Korrektur wäre nicht erforderlich. Apriori bedeutet schließlich a priori und notwendig wahr bedeutet notwendig wahr.
Tatsächlich gibt es das nicht und, diese Aussage ist weder a priori noch letztbegründet, sondern folgt aus dem Argument.
Zum Induktionsproblem
Hume hat doch bereits darauf hingewiesen, das es sich bei der Induktionsregel nicht um eine notwendige Wahrheit handelt. Schon damit ist sie keine aprior-synthetische Erkenntnis im Sinne Kants.
Die Evolutionäre Erkenntnistheorie gibt eine elegante Antwort: „Danach haben wir eine angeborene Neigung, Regelmäßigkeiten in unserer Umwelt anzunehmen und Ähnlichkeiten festzustellen. Diese Neigung haben wir beibehalte, weil sie sich in der natürlichen Auslese bewährt hat.“ (EE S. 159)
Die Induktionsregel haben die Individuen von den Vorfahren geerbt, die in Auseinandersetzung mit der Umwelt alt genug geworden sind, um Nachkommen in die Welt zu setzen. Sie ist damit vor individueller, aber nicht vor aller Erfahrung und sie ist auch nicht notwendig (immer) wahr.
Letztbegründung und Logik
Der begriff Letzbegründung impliziert voraussetzungsloses beweisen.
Beispiele für letztbegründete Sätze sind nach Hösle: es gibt Seiendes, Es gibt Wahrheit, Wahrheit kann intersubjektiv mitgeteilt werden.
Was dabei als erstes auffällt, ist, dass diese Aussagen derart inhaltsarm sind, dass es schon fraglich ist, ob überhaupt eine Information enthalten, das heißt, dass sie tatsächlich etwas aussagen, was diese Welt von anderen möglichen Welten unterscheidet.
Der sogenannte Letztbegründungsbeweis ist eine indirekte Beweismethode, d.h. die Originalaussage wird negiert, und gezeigt, dass dies zu einem Widerspruch führt.
Das heißt, der der Satz vom Widerspruch wird als gültig vorausgesetzt und damit auch zumindest eine minimale Logik. Logik setzt voraus, dass es wahre Aussagen gibt (p oder nicht p ist schon eine logisch wahre Aussage) und damit auch ein etwas das Gegenstand von Aussagen ist. Wird dazu noch vorausgesetzt, dass es Subjekte gibt, die solche Aussagen tätigen, haben wir all das, was der Letztbegründungsbeweis angeblich voraussetzungslos zu tage fördert.
Eine Beweismethode, die das beweist, was in den Voraussetzungen vorhanden ist, sollte nicht einen so irreführenden Namen verwenden. Wenn sie mehr tut, widerspricht sie der Logik.
Sowenig es gehaltvolle und, im strengen Sinne, notwendig wahre apriorische Erkenntnis der Welt gibt, sowenig gibt es gehaltvolle logisch korrekte Beweise, die mehr beweisen, als in den Voraussetzungen (explizit und implizit) enthalten ist.
Diese Thesen erheben selbstverständlich selber keinen Letztbegründungsanspruch. Sie lassen sich, wie praktisch alle allgemeinen Nichtexistenzbehauptungen nicht allgemeingültig beweisen, sie lassen sich aber begründen. Die erstere mit der evolutionären Erkenntnistheorie, die zweite mit den Regeln der Logik.
Ein Patt ist das nicht.
Es gibt Wahrheit!
In diesem Sinne alles Gute.
georg
Lb.Georg, ich hätte Dir gerne das letzte Wort in dieser Diskussion überlassen, aber so wie Du manche Gedanken darstellst, möchte ich es doch nicht stehen lassen:
Zu Deinem Kommentar 31.Die falsch verstandene Religion
Dein Gegensatz zwischen Kirche und von den allergröbsten Anthomorphismen gereinigter philosophischrer Argumentation erinnert mich an die Diskussion in Kamenins Blog mit Thomas Schärtl wo auch eine Hochtheologie einer „Alltags- religion“ gegenüber gestellt wurde. Ist eine Religion ohne Anthropomorphismen, von denen Schulze und Meier doch überzeugt sind, vielleicht überzeugt sein wollen, denn überhaupt vorstellbar. – Wobei, wenn Atheisten urteilen, sie sich doch erst einmal Klarheit verschaffen sollten, was denn die Alltagsreligionen unter z.B. Heiligen, Himmel, o.a. verstehen. Aber mir scheint, daß viele Atheisten hier mit ihrem eigenen überkommenen Kleinkinderglauben kämpfen. Ob Deine Skepsis, was in der religiösen Erziehung in den Schulen geschieht, berechtigt ist, zeigt Dir doch ein Blick in ein Curriculum für den Religionsunterricht (Kannst Du googeln, ich hab´s mir angesehen.) Dann kann man darüber reden, was den Kindern beigebracht wird und braucht nicht zu spekulieren. Im Übrigen: Die Kirchen haben doch in diesen Dingen kein Meinungsmonopol und jeder kann sich überall informieren. Was soll also die atheistische Bilderstürmerei im Bezug auf den Religionsunterricht. Sind es nicht die Eltern, die ihre Kinder aus Überzeugung in den Religionsunterricht schicken oder nicht, dabei sollten wir es bewenden lassen und diesen keine Vorschriften machen.
Was das Patt betraf, so meinte ich religionsphilosophisch die Antwort auf die Gottesfrage. Da mag die Aussage der Atheisten gleichermaßen unwiderlegbar sein wie die der Theisten.
Mit dem Patt meinte ich keineswegs eine Gleichwertigkeit philosophischer Positionen wie Idealismus oder Naturalismus.
Und jetzt noch eine Anmerkung zum Naturalismus und zum Objektiven Idealismus.
Ich weiß nicht, welcher Richtung des Naturalismus Du den Vorzug gibst. Wenn Du Dich zum „schwachen Naturalismus“ bekennst (kann man glauben oder nicht!) dann kannst Du sagen, das Aussagen des Objektiven Idealismus für Dich nicht relevant sind, weil sie sich der Überprüfung entziehen, aber das Ganze als Unsinn ab zu tun oder den Autoren (Hösle,Apel,Kuhlmann,u.v.a.) Fehler aus dem Proseminar zu unterstellen, ist doch schon stark.
Das Kapitel Letztbegründung, logisches Prinzip,etc. soll abgeschlossen sein. Was mich nur wundert, ist die polemische Heftigkeit gegen den Obj.Idealismus.
Solltest Du Dich zu einem „Starken Naturalismus“ bekennen!, hast Du mit dem inhärenten Materialismus doch eine Menge Probleme, wichtige Phänomene zu erklären, u.a. das durchgekaute Ethikproblem (ich will das nicht wieder aufwärmen).
Ich für meine Position finde den philosophischen Naturalismus insbesondere in seiner starken Variante überhaupt nicht denknotwendig und in seinen Perspektiven eher abstossend.
Nun noch einige Bemerkungen zu den synthetischen Sätzen apriori.
Du erwähnst die Humesche Aussage von nicht sicherer Wahrheit durch Induktion. Das ist logisch korrekt, wer wollte dem großen Hume widersprechen. Wenn Du nun aber die EE als „Beweis“ für das diesbezügliche menschliche Verhalten anführst, so mußt Du Dir auch im klaren sein über den dahinter stehenden Realismus. Das bedeutet, daß hinter den Denkgewohnheiten eine Realkategorie stehen muß, denn Anpassung an virtuelle Wirklichkeiten gibt es wohl nicht. Also, logisch folgt das Induktionsprinzip nicht aus den empirischen Befunden, aber als Anhänger der EE im oben beschriebenen Sinn muß man wohl sagen, daß, wenn wir vor aller Erfahrung so denken, die Natur so ist, zumindest in dem für uns relevanten Bereich.
Im Übrigen macht die EE nur Aussagen zur Evolutionsgeschichte ( ich glaube auch das diese richtig sind). Aber geltungstheoretisch gibt die EE wohl nichts her. Sie setzt die Aussagen der Evolutionstheorie (Selektion, Mutation, Fitness, etc.) voraus für ihre plausiblen geschichtlichen Erklärungen. Dazu eine weitergehende Spekulation:
Gesetzt den Fall in der Populationsgenetik würde man sogar herausfinden, daß eine Population nur dann evolutionsstabil ist, wenn der Anteil der Diebe oder Mörder einen bestimmten Prozentsatz nicht übersteigt. Übersteigt der Anteil der Diebe oder Mörder diesen Prozentsatz, zerfällt die Gesellschaft. Ist durch diese Entdeckung, und das ist keine nur plausible Erklärung eines Phänomens, eine geltungstheoretische Aussage gemacht? Wieder ein Fall für den Naturalistischen Fehlschluß.
Zur Teleologie – sicher ein weites Feld, in dem ich mich, wie gesagt, erst orientieren muß – nur einige Gedanken.
Ich teile deine Definition von Teleologie nicht. Sie mag historisch richtig sein. Die Frage nach einem Planer ist doch eine nachrangige. Zuerst frage ich mich, ob es so etwas wie eine gerichtete Entwicklung gibt. Im großen und Ganze würde ich das für mich bejahen, denn es ist nicht alles bei einem Molekülgestöber (o.ä) geblieben. Betrachtet man die Entwicklung in der Biologie, so ist es offensichtlich, daß auch dort nicht alles bei Einzellern geblieben ist. Wenn ich die Erklärung des Phänomens als Teleonomie (Programmgesteuert) bedenke, so scheint sich das Problem doch lediglich von der Ebene des Organismus auf die der DNA zu verschieben.
Der bekannte Biologe Rupert Riedl hat sich in seinem Buch „Evolution und Erkenntnis“ zur Finalität u.a.so geäußert. (Serie Piper S.154f)
„Das Wesen der Zweckvorstellung ist zweifellos im Universellen des Zweckes begründet; im unveränderten Hindurchreichen durch alle Schichten, von den Formen der Kulturen, des Zeitgeistes und der Theorien, durch die Gruppierung und Handlungen der Massen und Individuen und vom Individuum durch seine gesamte Organisation bis hinunter zu den elementarsten Lebensfunktionen von Molekülen“
Riedl steht ganz auf dem Boden der aktuellen Biologie. Damit kein falsches Bild entsteht, Er sagt auch:“Unseren Zweck als Individuum zu hinterfragen, beansprucht schon eine Befragung unserer Einstellung…Und nach dem Zweck der Erde,…zu fragen ist,`wie jeder weiß`zwecklos oder doch nicht mehr Sache der exakten Wissenschaft.“
Ist nicht die Aussage der Physiker über das Schicksal des Universums eine teleologische Aussage, ich sagte es bereits.
Hängen Kaualität und Finalität nicht in irgendeiner Weise zusammen?
Ich frage mich weiter: Ist denn die Naturwissenschaft, die das Subjekt aus ihrer Perspektive entfernt hat, denn alleine kompetent, die Frage nach den Zwecken und damit einer Teleologie zu beantworten?
Zum Schluß
„Notwendige Wahrheiten über die Welt gibt es nicht.“ (EE S. 129)
Ist das denn vielleicht falsch?
Deiner Schlußbemerkung:
Es gibt Wahrheit! stimme ich zu, mit voller Überzeugung.
Viele Grüße!
Hallo Leuchtspur,
zu Beginn will ich mal bekennen, dass ich mit Hösle nicht nur fachliche Differenzen, sondern auch emotionale Probleme habe. Es gibt da viele Behauptungen, für die ich Erläuterung und eine Begründung dafür erwarte, warum ich diese für wahr halten soll (das Geltungsproblem), und ich ärgere mich, wenn ich noch nicht mal ein Beispiel finde, geschweige denn Erläuterung und Begründung.
Was er macht ist ja offensichtlich eine Teleologie in Anlehnung an Hegel. Hegel allerdings redet offen von Gott, Geist, ontologischen Gottesbeweis, usw. Bei Hösle kommt der Begriff Gott nicht vor. Der versteckt sich hinter dem des Absoluten. Ich verstehe ja, dass es 150 Jahre nach Darwin schwierig ist, eine Philosophie über Gott vorzulegen, denn das würde eine gute Begründung erfordern (das Geltungsproblem). Aber entweder, er meint das zu können, dann soll er es offen und ehrlich machen oder er soll es sein lassen. Sagen zu müssen, dass ich Hegel in dieser Hinsicht für ehrlicher halte, finde ich schlimm.
Kritikern der Letztbegründung werden schon mal pauschal psychologische Probleme unterstellt und sich selbst vergleicht er mit einem Mathematiker, dessen Beweis auch nicht von allen verstanden wird (S. 144f). Für sich selbst hat er damit jedenfalls das Geltungsproblem gelöst. Wenn ich so was lese, kriege ich schon Aversionen.
Berücksichtigt man dies, zeugt mein Tonfall, so finde ich, doch von Selbstbeherrschung.
Auf S. 145 in der Fußnote warnt er vor zuviel Nachdenken über das Letztbegründungsproblem bei ungeeigneter Persönlichkeitsstruktur. Ich fürchte, das trifft auf mich zu. Aber ich gehe trotzdem noch mal das Risiko ein.
„Notwendige Wahrheiten über die Welt gibt es nicht.“ (EE S. 129)
Ist das denn vielleicht falsch?
Nein, das stimmt genau. Selbst wenn es sie gäbe, gäbe es doch keine Möglichkeit, dies zu beweisen, wie denn auch.
Notwendig wahre Erkenntnis über die Welt gibt es nicht.
Was nicht notwendig wahr ist, ist hypothetisch.
D. h. alle Erkenntnis über die Welt ist hypothetisch.
Erkenntnis lässt sich unterteilen in empirische und nicht-empirische.
Auf S. 143 stellt Hösle „die einfache Frage, ob jede nicht-empirische Erkenntnis hypothetisch sei“. Solche Fragen stellt man, um sie zu beantworten. Hösles Antwort habe ich nicht gefunden, aber wir haben ja eine Antwort: (Auch) jede nicht-empirische Erkenntnis ist hypothetisch.
Auf S. 147 sagt er, dass „allein dann, wenn es eine nicht-hypothetische Erkenntnis gibt, sinnvollerweise von einem kategorischen Imperativ ausgegangen werden“ kann. Nicht hypothetisch bedeutet notwendig war. Und wir sind uns ja einig, dass es so was nicht gibt. Das bedeutet: Aus der geltungstheoretischen Aussage der EE, dass es notwendige Wahrheit über die Welt nicht gibt, folgt die geltungstheoretische Aussage, dass es den Kategorischen Imperativ nach Hösle ebenfalls nicht gibt.
Normen sind eben nicht beweisbar. Q.e.d.
„den Autoren (Hösle,Apel,Kuhlmann,u.v.a.) Fehler aus dem Proseminar zu unterstellen, ist doch schon stark“
Fehler aus dem Proseminar, würde ich das nicht nennen. Die letztbegründeten Sätze (Es gibt etwas, es gibt Wahrheit und Wahrheit lässt sich kommunizieren) sind ja wahr. Sie sind eben deswegen, weil sie in den Annahmen des Letztbegründungsbeweises (explizit oder implizit) als wahr vorausgesetzt wurden. Ein Fehler wird das erst dann, wenn jemand den Anspruch erhebt oder den Eindruck erweckt, damit ließe sich mehr beweisen, als in den Prämissen (explizit oder implizit) drinsteckt. Wäre das richtig, wäre die Logik falsch.
Sowas ähnliches hat’s ja schon gegeben. Wahrscheinlich hat auch Hegel geglaubt, mit der von ihm entwickelten dialektischen Methode ließe sich echtes wahres Weltwissen generieren, und viel nach ihm ebenfalls. Es gibt noch heute welche.
Das mit dem Letztbegründungsbeweis etwas nicht stimmt, war von vornherein klar. „Ohne Prämissen gibt es kein Argument.“ (Niko Strobach; Einführung in die Logik; S. 72) Aber auf die Erkenntnis, dass mit der indirekten Beweismethode, die letzbegründeten Sätze schon als wahr vorausgesetzt sind, muss man erst mal kommen. Deshalb, danke für die wohl nicht so gemeinte Anerkennung, ich finde auch, das ist eine starke Leistung.
Damit wird auch das Rätsel plausibel aufgelöst, warum die letztbegründeten Sätze, so auffallend inhaltsarm sind. Der Letzbegründungsbeweis will voraussetzungslos beweisen, aber ganz ohne Voraussetzungen kommt er nicht aus. So muß z. B. die Geltung einer Logik vorausgesetzt werden. Die in diesen Voraussetzungen, al wahr angenommenen Annahmen lassen sich gültig beweisen. Und mehr eben nicht.
Damit kann das Letztbegründungsproblem als geklärt angesehen werden.
„Ich weiß nicht, welcher Richtung des Naturalismus Du den Vorzug gibst.“
Der Naturalismus macht die Aussage, dass in dieser Welt übernatürliche Wesen keine Wirkung ausüben. Diese Welt beginnt mit der ersten kausalen Ursache und reicht bis zum letzten Ereignis. Für diese Welt macht es keinen Unterschied, ob man die schwache oder die starke Version vertritt. Ich bevorzuge die starke, da ich keinen Sinn darin sehe irgendwelchen Wesenheiten mögliche Existenz zuzusprechen, wenn diese in dieser Welt eh nichts bewirken.
Wenn Du Dich zum “schwachen Naturalismus” bekennst (kann man glauben oder nicht!) dann kannst Du sagen, das Aussagen des Objektiven Idealismus für Dich nicht relevant sind, weil sie sich der Überprüfung entziehen
Das stimmt so nicht
Teleologie hat zwei Seiten. Da gibt es einen der Teleologie verursacht und es gibt Dinge auf die die Ursache einwirkt. Auch, wenn der Verursacher so definiert wird, dass sich seine Existenz nicht direkt prüfen lässt, die Teleologie lässt sich prüfen.
Wenn Ernst Mayr sagt, dass es keinerlei Indizien gibt, die den glauben an eine kosmische Teleologie stützen würden (Das ist Evolution S. 110), besagt das nicht lediglich, dass man noch keine Fossilien von Göttern gefunden hat. Wenn nämlich die Welt, wie es Hösle behauptet, gezielt so geschaffen wäre, dass notwendig „endliche Vernunftwesen“ entstehen, dann würden sich in den Daten entsprechende Evolutionstrends zeigen und es ließen sich Faktoren identifizieren, die bei diesen eine Rolle spielen.
Die Aussage von Mayr besagt, dass 150 Jahre theoretische und empirische Forschung zu dem Ergebnis geführt haben, dass es so was nicht gibt. Das ist ein klarer Widerspruch zu Hösles Behauptungen. Beide zusammen können nicht wahr sein.
„Solltest Du Dich zu einem “Starken Naturalismus” bekennen!, hast Du mit dem inhärenten Materialismus doch eine Menge Probleme, wichtige Phänomene zu erklären, u.a. das durchgekaute Ethikproblem“
Wie gezeigt, können Normen nicht bewiesen werden. In Wirklichkeit hat der Idealismus dasselbe Problem, er macht sich nur was vor.
„Ich für meine Position finde den philosophischen Naturalismus insbesondere in seiner starken Variante überhaupt nicht denknotwendig und in seinen Perspektiven eher abstossend.“
Denknotwendig ist er nicht, aber wenn man unvoreingenommen die Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis der letzten 500 Jahre betrachtet und dem gegenüberstellt, was 2000 Jahre Philosophie und Religion zur Erklärung der Welt beigetragen haben und wie sich ein immer größerer Teil dieser Welterklärung als definitiv falsch herausstellt und dass es keinen erkennbaren Fortschritt bei Philosophie und Religion gibt, was die Welterkenntnis angeht (das wurde bereits von Kant erkannt), dann drängt sich die Wahrheit der wissenschaftlichen Welterklärung (immer bezogen auf ihren Gegenstandsbereich) doch auf.
Das Abstoßende liegt im Auge des Betrachters.
Aufklärung und Wissenschaft führen nun mal zur Entzauberung der Welt. Und das Wahre ist nicht immer das Wünschenswerte.
„zu den synthetischen Sätzen a priori“
Auch der Naturalismus benötigt unbewiesene Annahmen. Solange man von diesen keinen Letztbegründung oder notwendige Wahrheit behauptet ist das grundsätzlich kein Problem. Näheres zu diesem Thema siehe z. B. Gerhard Vollmer; Auf der Suche nach der Ordnung.
„geltungstheoretisch gibt die EE wohl nichts her“
Die von der EE begründete Aussage, dass es keine notwendige Wahrheit über die Welt gibt, gibt geltungstheoretisch schon einiges her, eben dass manche Behauptungen über Erkenntnis nicht wahr sind, d. h. nicht gelten (s. o.). Das Normen nicht bewiesen werden können, ist ebenfalls eine Aussage, die sich daraus ableiten lässt. Weil diese Aussage wahr ist (geltungstheoretisch) stellt sich dieses Problem, wie gesagt, in Wirklichkeit für alle philosophischen Positionen.
„Zur Teleologie“
„Die Frage nach einem Planer ist doch eine nachrangige.“
Begriffsdefinition ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Man könnte den Begriff auch so erweitern, dass er alle Prozesse erfasst.
Ob es einen Planer gibt oder nicht, macht aber einen fundamentalen Unterschied. Ein Beispiel: zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer gibt es eine natürliche Verbindung, den Bosporus, zwischen Atlantik und Pazifik eine künstliche, den Panamakanal. Bei der Frage nach der Ursache für die Entstehung des Panamakanals ist der physische Vorgang des Grabens von nachrangiger Bedeutung. Wichtiger sind da ganz andersartige Kategorien wie Politik, Wirtschaft, usw., die nun wiederum bei der Entstehung des Bosporus gar keine Rolle spielen.
Vieldeutige Begriffe sind eine Quelle von Missverständnissen und erleichtern denen die Arbeit, die eine unklare Ausdrucksweise vorziehen.
Klare Begriffsabgrenzung erleichtert das Auffinden und Beseitigen von Widersprüchen und fördert damit die Annäherung an die Wahrheit.
Aus diesen und anderen Gründen haben die Wissenschaften im selben Zuge, mit dem sie sich vom Konzept des planenden kosmischen Gestalters verabschiedet haben, auch den Begriff entfernt. Und genau diese scharfe Begriffsabgrenzung erleichtert es auch, in Hösles objektiven Idealismus den Widerspruch zur Evolutionstheorie aufzuzeigen. Das dient der Wahrheitsfindung.
„Rupert Riedl“
Das Universelle der Zweckvorstellung resultiert daraus, dass mit diesem Begriff das gemacht wurde, was bei der Teleologie aus guten Gründen vermieden wurde. Und dann passiert genau das: er passt auf alles und diese Universalität gibt dann Anlass zu der Vermutung, dass dahinter eine tiefere Bedeutung, dass sich hinter dem ganzen ein geheimnisvoller Zwecksetzer befindet. Das Universelle und damit auch das Geheimnisvolle lösen sich in Luft aus, wenn man eine sinnvolle Begriffsabgrenzung trifft, z. B. zwischen bewusstem zweckdienlichem Handeln, instinktgesteuertem Handeln, …
„Ist denn die Naturwissenschaft, die das Subjekt aus ihrer Perspektive entfernt hat, denn alleine kompetent, die Frage nach den Zwecken und damit einer Teleologie zu beantworten?“
Eben das tut sie nicht. Die Zwecke seines Lebens muss jeder selbst finden. Er kann sie natürlich auch in den Religionen suchen. Die Zwecke menschlichen Lebens gehören nicht zum Gegenstandsbereich der Naturwissenschaft.
Zum falschen Gottesbild
In meiner letzten Stellungnahme hatte ich lediglich darauf hinweisen wollen, dass bei einer religiösen Erziehung einem Kleinkind üblicherweise u. a. der Eindruck vermittelt wird, es könne durch Gebete übernatürliche Wesen oder verstorbene Menschen dazu bewegen, in die reale Welt einzugreifen und zu seinen Gunsten zu verändern. Sowas nennt man üblicherweise ein Wunder. Und Wunderglauben fällt doch unter die Kategorie „falsches Gottesbild“, oder nicht?
Außerdem ist es doch völlig legitim die offiziellen Dogmen der katholischen Kirche zu kritisieren. Ferner ist es legitim, darauf hinzuweisen, dass es Widersprüche zwischen dem offiziellen Gottesbild der Kirche und der Darstellung im Alten Testament gibt. Jemand, der die Dogmen der katholischen Kirche oder das Alte Testament nicht für relevant hält, braucht sich daran doch nicht zu stören.
Das Letztbegründungsproblem konnte schließlich doch noch geklärt werden. Das ist doch ein erfreuliches Fazit
mfg Georg