Der Szientismus hat viele Kinder. Eines davon ist der Nihilismus, der in Nietzsche seinen bekanntesten Propheten hat.
Wenn es stimmt, was Nietzsche im folgenden Zitat prognostiziert,
“In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem’ kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der ,Weltgeschichte: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben.“
wenn es also stimmt und die aktuelle Naturwissenschaft stützt diese Prognose, dann wird das Schicksal des Universums Dunkelheit und Kälte sein und das Schicksal des Menschen wird sich nicht von dem so vieler Tierarten unterscheiden, die Im Laufe der Erdgeschichte auftauchten und vergingen. Alles wird umsonst sein. Wir sehen es, und nirgends scheint in diesem Bild ein rettender Gott zu sein, der dieses Umsonst und die Sinnlosigkeit auflöst .
„Die Dauer, mit einem „Umsonst“ ohne Ziel und Zweck, ist der lähmendste Gedanke, namentlich noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und doch ohne Macht ist, sich nicht foppen zu lassen.“ (Nietzsche: Der europäische Nihilismus)
Was bleibt? Das Entsetzen des auf sich selbst zurück geworfenenen Menschen, ein unsicherer Boden ohne Wahrheit, ohne unumstössliche Werte. Der Mörder kann endgültig über sein Opfer triumphieren und den Schwachen bleibt Hohn und Spott.
Welchen Ausweg zeigt Nietzsche aus dieser erschreckenden Situation?
„Was ist gut? – Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen steigert. Was ist schlecht? – Alles, was aus der Schwäche stammt. Was ist Glück? – Das Gefühl davon, daß die Macht wächst, daß ein Widerstand überwunden wird. Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Frieden überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtu, moralinfreie Tugend.) Die Schwachen und Mißrathenen sollen zu Grunde gehn: erster Satz der Gesellschaft. Und man soll ihnen dazu noch helfen. Was ist schädlicher als irgend ein Laster? – Das Mitleiden der That mit allem Mißrathenen und Schwachen, – »das Christenthum« … (aus Nietzsche: Das schwache Thier Mensch)
Im letzten Zitat erkennt man ethische Maximen, die einige Jahrzehnte später der Nationalsozialismus sich zu eigen machte. Deutlich zeigt sich die Schwäche jeder Philosophie, die dem Relativismus in Wahrheits- und Ethikfragen nichts entgegensetzen kann oder die Problematik gar nicht begreift.
Zum Ende hin ein weiterer Aspekt:
Nach Feuerbach und Marx sollte das auf die Erde zurückgeholt werden, was die Menschen in den Himmel projiziert haben.
Was wurde nun aus dem verlorenen Paradies?
Für Nietzsche hatte die Utopie eines Übermenschen die Funktion eines gewünschten Endzustandes, für Marx war es die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft, mit einem Menschen, der nichts mehr vom „krummen Holz“ an sich hatte, als den Kant ihn noch bezeichnete.
Was wurde aus diesen irdischen Utopien?
Nietzsches Zukunftsvision manifestierte sich im Zerrbild der blonden Bestie. Die marxistische Utopie führte zu Unterdrückung, Gulag und barbarischer Kulturrevolution.
Nun, diese Ersatzreligionen sind tot.
Was ist im Zeitalter von Wissenschaft und Technik und in Zeiten der Globalisierung die aktuelle Alternative?

Die Alternative? Illusionen: the show must go on!
Seit über zweitausend Jahren – eingeführt in die Tradition vom Dreigestirn Sokrates, Plato, Aristoteles – sind es die „klugen Thiere“ gewohnt, sich im Zentrum des Geschehens zu wähnen und also irgendeine Teleologie in das Sein hineinzuillusionieren, die da bei genauem Nachsehen nicht zu finden ist.
Der Prophet des Nihilismus hat recht mit seiner Analyse des „lähmendsten Gedankens“, und deswegen auch mit seiner verbotenen Wahrheit, daß die klugen Tiere ohne Selbsttäuschung, ohne eine Illusion von Sinn und Zweck nicht leben können.
In nihilistischen Zeiten wie den unsrigen bedarf es daher zur Überbrückung eines Ersatzes für religiöse Sehnsüchte in verschiedenen Formen des überbordenden Konsums, insbesondere solcher, die uns, und sei es nur für ein Weilchen, aus der schnöden, sinnlosen Wirklichkeit entführen, mit einem Wort: Unterhaltungsindustrie, wissenschaftliche Träume und (demnächst) Reisen zum Mars.
Fürwahr ein düsteres Bild! Aber kann man denn ohne die Frage nach dem „Wozu“ überhaupt leben? – Und wenn es eine Selbsttäuschung wäre, könnten wir, das wissend, die Frage dann nicht ausblenden und wohin führte das? –
Nehmen wir als Beispiel die aktuellen ökologischen Krisen. Die Wissenschaft kann nur etwas über „wenn -> dann“ aussagen, die Frage „Wozu“ entsteht in einem anderen Raum, in dem der Werte. Lassen sich die als Selbsttäuschung ausblenden?
Vielleicht ist es so düster gar nicht. Es hat eine gewisse metaphorische Ähnlichkeit mit dem morgendlichen Erwachen aus einem be- und verzaubernden Traum, dem man, noch eine Weile im Bett liegenbleibend, ein wenig wehmütig nachtrauert und den man gerne weiterträumen möchte anstatt aufzustehen und sich in den (nicht immer nur) grauen Alltag zu begeben.
Wir sind es eben gewohnt – weil seit Generationen dazu erzogen – unserer Teleologie zu folgen und einer „sinnvollen“ Arbeit nachzugehen. Gewiß ist die Einsicht in die Täuschung problematisch, wie man an den hitzigen Debatten rund um den Wahrheitsbegriff ablesen kann ….. denn keiner will’s wahrhaben: welche Nachteule hat nach dem Verblassen süßer Träume schon Lust, in das trock’ne Frühstücksbrot zu beißen? Aber sobald der erste Nietzsche-Bissen drunten ist und erfrischt von einem Schluck heißen Wittgenstein-Kaffees, darf man gestärkt den Gürtel enger schnallen und nach neuen Tagesproblemen Ausschau halten. Das nicht nur Schlimme sondern auch Schöne an Illusionen ist ja, daß sie nicht verschwinden, sobald man sie als solche erkannt hat. In diesem Sinne entpuppt sich ja unsere ganze Kultur als gewaltige Illusion, an der es weiterzubauen gilt. Denn im Gegensatz zu den anderen, nicht ganz so klugen Tieren haben wir uns seit Lucy’s Tagen unsere eig’ne Welt erschaffen, die nicht vorgegeben ist, und nichts spricht dagegen, das weiterhin zu tun, nur mit dem Unterschied, daß wir weder die Schuld daran, noch den Ruhm Gott und Göttern in die Schuhe schieben müssen.
Natürlich kann es auch sein, daß wir bald den Mut zur Illusion ALS Illusion verlieren und wieder in die süßen Träume zurücksinken, denn ein flüchtiger Blick über den Globus könnte den Eindruck erwecken, daß wir nihilistisch ernüchterten Abendländer nur ein kleines Grüppchen darstellen, das demnächst von einer gewaltigen Welle neuen religiösen Schlafes hinweggespült werden könnte. Dann würde es eben bis zum nächsten Erwachen noch einmal zweitausend Jahre dauern.
Als einzelne Individuen kann uns das aber nicht kratzen.
Ich weiß nicht, ob wir dasselbe meinen:
Ein Mensch geht zur Arbeit, weil er Verantwortung, sagen wir, für seine Kinder hat. Er arbeitet u.a. um seine Kinder zu ernähren. Das meine ich, wenn ich von der Frage „Wozu“ rede. Dieserart lassen sich Beispiele in Hülle und Fülle beschreiben, und das in der gesamten Lebenswelt. Das ist doch keine Illusion, keine Talmi-wirklichkeit. Teleologie in diesem Sinne ist einfach Realität.
Kultur als Illusion zu bezeichnen, verstehe ich auch nicht. An ihr weiterzubauen, auch im Wissen um diese Illusion, hat etwas zynisches an sich. Aber vielleicht verstehe ich das nicht richtig.
Ich denke, daß die Charakterisierung des Menschen durch Nietzsches, wie sie im Eingangszitat, beschrieben ist, nur die halbe Wahrheit ist. Für´s Erste ist es eine durch die aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse +/- plausible Prophetie. Ich würde nicht das Gegenteil behaupten, aber eine Wette würde ich nicht darauf abschließen. Zum anderen ist sie evolutionbiologisch betrachtet unhistorisch, betrachtet sie doch den Menschen innerhalb des beschriebenen Augenblicks als statisch.
Die halbe Wahrheit scheint es mir deswegen zu sein, weil das, was Sie vielleicht durch die Saite „süße Träume“ anklingen lassen, das Phänomen der Innerlichkeit (im Gegensatz zum Objektcharakter), durch die allein Zielgerichtetheit der Organismen verstehbar wird, fehlt.
Ich möchte auch noch einmal an den Schluß meines Beitrags erinnern, in dem ich die Ergebnisse der „Überwindung“ der alten Metaphysik dargestellt habe. Diese Beispiele sind doch kein Grund mit aufklärerischem Pathos sich im Besitz der letzten Wahrheit zu wähnen.
Wenn mein Stil den Eindruck erweckt, pathetisch über letzte Wahrheiten aufklären zu wollen, muß ich mich für meinen Stil schämen, denn meine Intention ist es nicht. Für mich stellt unser Gespräch eine kurzweilige Plauderei auf höherem Niveau dar, und wir tauschen lediglich unsere verschiedenen Meinungen zu einem spannenden Thema aus, was bei Meinungsgleichheit überflüssig wäre. Bei der Frage nach möglicher Wahrheit dieser Meinungen möchte ich mich eigentlich nicht lange aufhalten, da eine solche ohnehin nicht verifizierbar wäre. Jeder stellt einfach seine Sicht der Dinge, oder genauer seinen Gebrauch der Begriffe, dar und nimmt vom Anderen, was er in sein Weltbild gut einbauen kann, oder läßt es außen vor.
Vielleicht muß ich ein wenig präzisieren, wie ich oben den Teleologiebegriff gebrauchte. Ich sprach einmal von „irgendeiner, in das Sein hineingedichten Teleologie“, später von „unserer Teleologie“, der wir aus Gewohnheit folgen. Hier gibt es Unterschiede zu berücksichtigen. Es dürfte ohne weiteres verständlich sein, daß es in der „Natur“ (ich stelle den Begriff wegen seiner schwierigen Implikatur vorsichtshalber mal unter Quarantäne), …daß es in der „Natur“ keine Ziele und Zwecke gibt und sich einer Illusion hingibt, wer seine persönlichen Ziele und Zwecke aus ihr ableiten zu können glaubt. Es bleiben also nur die persönlichen – die ich oben als die „unsrigen“ (jedem seine eigenen bei mehrweniger großen Ähnlichkeiten) bezeichnete – übrig, und es stellt sich die philosophisch peinliche Frage, woher sie denn dann abzuleiten wären, wenn eben nicht aus der „Natur“. Dann stellen sie eine Illusion dar insoferne, als sie naturwissenschaftlich nicht zu halten und daher in gewissem Sinne beliebig sind, beliebig einmal in historischem Sinne, als sich ethische Normen im Laufe der Zeiten und in der Vielfalt der Mikrokulturen als sehr wandelbar erweisen, zum anderen aber auch in psychologischem Sinne, als sich jeder seine persönlichen Ziele selbst setzen kann – sofern und soweit er es fertig bringt, seine erlernten Gewohnheiten und die Gewohnheiten der Gemeinschaft, in der er lebt, zu ändern.
Evolutionsbiologisch ist es ein großes Rätsel, wieso der Mensch angefangen hat, die vorgefundene Wirklichkeit in größtem Maßstab zu manipulieren, anders ausgedrückt „Kultur“ zu machen. Kein anderes Tier hat das nötig und auch der Mensch hätte es nicht nötig gehabt, wenn es nur ums evolutionäre Überleben gegangen wäre. Daher muß irgendwann in dieser merkwürdigen Entwicklung ein zusätzliches Motiv ins Spiel gekommen sein, über dieses Lebens-Notwendige hinauszugehen, und was, wenn nicht eine teleologische Illusion, die viele tausende Generationen und zumindest bis Leukipp (der, soviel ich weiß, als erster und unbeschadet sonstiger, höchstverzeihlicher Kindereien ein rein materialistisches Erklärungsmodell ohne immanente Ziele und Zwecke vorgeschlagen hat) als solche unerkannt blieb.
Das reflexive Bewußtsein, dieses Wunder der Evolution, hat auch eine Schattenseite, nämlich die, äußerst empfindlich gegenüber Sinn- und Zwecklosigkeit zu sein. Das ist sein Fluch, daß es ohne Sinn und Zweck das Dasein nicht aushält, im Gegensatz zu den nichtreflexiven Bewußtseinen anderer Spezies, denen aufgrund mangelnder Erkenntnis die Sinn- und Zwecklosigkeit der „Natur“ nichts ausmacht und die daher auch keine sinngebende „Kultur“ benötigen.
Nach dem kurzen Blinzeln des Leukipp folgte noch der frühmorgendliche Traum eines „Planes Gottes“, bis endlich der „böse Fritz“ bemerkte, daß wir anfangen, aufzuwachen und plötzlich alles „umsonst“ sein soll.
Seiner unwiderstehlichen Analyse läßt er freilich eine ziemlich fragwürdige Ethik folgen, die trotz ihres martialischen Auftretens irgendwie kindisch und daher keine gute Lösung des nihilistischen Problems zu sein scheint. Allerdings weiß ich auch keine Lösung außer einem lapidaren: „Na gut, machen wir trotzdem weiter mit unserer Kulturillusion, mal sehen, was draus wird.“
Welche Vorschläge haben Sie, den Nihilismus zu überwinden?
(Übrigens können wir uns, wenn Sie wollen, auch duzen.)
“ Es dürfte ohne weiteres verständlich sein, daß es in der „Natur“ (ich stelle den Begriff wegen seiner schwierigen Implikatur vorsichtshalber mal unter Quarantäne), …daß es in der „Natur“ keine Ziele und Zwecke gibt und sich einer Illusion hingibt, wer seine persönlichen Ziele und Zwecke aus ihr ableiten zu können glaubt.“
Hallo!
Den ersten Teil des Satzes würde ich bestreiten und habe es weiter oben auch schon getan. In der belebten Natur gibt es überall Ziele und Zwecke, ebenso beim Menschen, der Teil der Natur ist, denke ich. Wenn eine Pflanze ihre Blätter zur Sonne hin orientiert, ist doch die Frage „Wozu“ berechtigt. Hier bin ich noch ganz auf dem Feld der Biologie.
Daß persönliche Ziele und Zwecke aus der Natur abgeleitet werden, scheint mir auch nicht abwegig, wird doch von vielen Menschen als oberstes moralisches Gebot die Selbsterhaltung angesehen. Das aus dem Feld der Ethik.
Aber das alles ist wahrscheinlich nicht das Problem.
„Es bleiben also nur die persönlichen – die ich oben als die „unsrigen“ (jedem seine eigenen bei mehrweniger großen Ähnlichkeiten) bezeichnete – übrig, und es stellt sich die philosophisch peinliche Frage, woher sie denn dann abzuleiten wären, wenn eben nicht aus der „Natur“. Dann stellen sie eine Illusion dar insoferne, als sie naturwissenschaftlich nicht zu halten und daher in gewissem Sinne beliebig sind, beliebig einmal in historischem Sinne, als sich ethische Normen im Laufe der Zeiten und in der Vielfalt der Mikrokulturen als sehr wandelbar erweisen, zum anderen aber auch in psychologischem Sinne, als sich jeder seine persönlichen Ziele selbst setzen kann – sofern und soweit er es fertig bringt, seine erlernten Gewohnheiten und die Gewohnheiten der Gemeinschaft, in der er lebt, zu ändern.“
Hier meinst Du mit Zwecken vielleicht Wertschätzungen, ethische Normen. Wenn das so ist, dann scheint mir der Anspruch, diese naturwissenschaftlich begründen zu wollen, hoffnungslos. Ob sie beliebig sind, würde ich auch bezweifeln. Z.B. die Mitleidsethik (Christentum, Buddhismus, nicht aber Nietzsche) scheint mir doch ein weltweites Phänomen mit biologischen Wurzeln zu sein, also keineswegs nur beliebige Gewohnheit.
„Evolutionsbiologisch ist es ein großes Rätsel, wieso der Mensch angefangen hat, die vorgefundene Wirklichkeit in größtem Maßstab zu manipulieren, anders ausgedrückt „Kultur“ zu machen. Kein anderes Tier hat das nötig und auch der Mensch hätte es nicht nötig gehabt, wenn es nur ums evolutionäre Überleben gegangen wäre.“
Das ist für mich für´s Erste ein Hinweis, daß es hier Erklärungsbedarf gibt. Im Moment fehlt hier eine überzeugende evolutionstheoretische Erklärung. Was nicht heißt, daß man diesen weißen Fleck nicht irgendwann füllen kann. Wer weiß?
Wie man nun die Welt philosophisch erklärt, das ist die Frage.
N. scheint doch unter dem Eindruck der Zerstörung der alten Metaphysik durch Kant und in der Folge Schopenhauer zu seiner Ablehnung von Transzendens und damit aller „Hinterwelten“ gekommen zu sein. Das alles verstärkt durch den ungeheuren Aufschwung der Naturwissenschaften im 19.Jh.
Nun, es ist für mich keineswegs ausgemacht, daß zweieinhalbtausend Jahre Philosophie nur Trug gewesen sein soll und ich bin auch der Meinung, daß die Betrachung der Welt durch die Naturwissenschaft nur die halbe Wahrheit ist, wenn man sich vor Augen führt, daß in dieser Sicht das Subjekt in seiner Subjektivität gar nicht vorkommt.
Auch glaube ich an eine begründbare Wertrationalität und halte einen Wertrelativismus für falsch und in seiner aktuellen Ausformulierung weit unter der Ethik, die in der Antike durch Platon u.a. erdacht worden ist.
Zur Frage wie der Nihilismus zu überwinden sei: Ich glaube, daß ein reflektierter Nihilismus inkonsistent und nicht lebbar ist . Dein Hinweis auf die „Götzen“ Konsum u.a. ist schon berechtigt, aber es ist so ein Partynihilismus der dahinter steckt, kein wirklicher Nihilismus in seiner tödlichen Abgründigkeit.
Danke für das „du“.
Ob die Frage „Wozu“ im Fall der Pflanze berechtigt ist, weiß ich nicht, jedenfalls möchte ich dir das Recht dazu nicht abstreiten. Sinnvoller scheint es mir in diesem Fall jedoch zu sein, die Frage „Warum“ zu stellen, denn „Warum“ fragt nach Ursachen, die in der Vergangenheit liegen, während „Wozu“ nach Zielen fragt, die in der Zukunft liegen, und ich zweifle stark an der Annahme, daß sich die Pflanze an der Zukunft orientiert. Überhaupt scheinen mir Zukunftsvorstellungen, wenn überhaupt (denn da es die Zukunft noch nicht gibt, rücken die Vorstellungen von ihr in die Reichweite des Begriffs „Illusion“), nur dem Menschen zurechenbar zu sein, während alle anderen Organismen allein aus genetischen Ursachen „funktionieren“. Letzteres gilt übrigens für den Menschen auch und mir scheint es ebenso berechtigt, die Frage zu untersuchen, ob nicht jegliches „Wozu“ auf ein biologisches „Warum“ zurückführbar sein könnte.
Was ich nicht ganz verstehe, ist der Zusammenhang deiner Meinung A
„Daß persönliche Ziele und Zwecke aus der Natur abgeleitet werden, scheint mir auch nicht abwegig, wird doch von vielen Menschen als oberstes moralisches Gebot die Selbsterhaltung angesehen.“
mit deiner gleich darauf folgenden Meinung B ,
„… ethische Normen. Wenn das so ist, dann scheint mir der Anspruch, diese naturwissenschaftlich begründen zu wollen, hoffnungslos.“
Hier, denke ich, müßte eine Entscheidung getroffen werden, da beide Meinungen zugleich nicht wahr sein können.
Was die Beliebigkeit ethischer Normen betrifft, so meine ich das im Sinne von „arbiträr“, also „nicht notwendig aus der Natur folgend“, was natürlich nicht heißt, daß jedes einzelne Individuum ethische Normen nach seinem Gutdünken erfinden könnte, zumindest nicht, wenn es von der Gesellschaft, in der es lebt, akzeptiert und angenommen werden möchte. Wären aber ethische Normen nicht arbiträr, könnten keine Gesellschaften mit unterschiedlichen ethischen Normen entstehen.
An den „biologischen Wurzeln“ des Mitleids könnte was dran sein, da sich zumindest gegenseitiges Helfen mit genetischer Auslese erklären läßt. (zB Dawkins). Vom gegenseitigen Helfen als Geschäft (hilf du mir dann helf ich dir) zur selbstlosen Ethik des Mitleids ist es aber wohl ein großer Schritt und letztere scheint mir doch ein Kulturprodukt zu sein. Das Mitleid als „weltweites Phänomen“ zu bezeichnen ist sehr gewagt, auch wenn diese ethische Norm z.Zt. in der Tat weit verbreitet ist. Dem möchte ich meinerseits die ebenso gewagte Prophezeiung entgegensetzten, daß es mit dem Mitleid schnell vorbei ist, wenn aus den gegenwärtig 7 Milliarden einmal 70 Milliarden geworden sind und keiner mehr Platz zum Stehen und nichts mehr zum Essen hat.
Zum Nihilismusproblem. Ein wirklicher Nihilist, dh einer, der im wirklichen Nihilismus gefangen ist, steht vor einem Dilemma: er will den Nihilismus ja gar nicht „leben“, sondern loswerden. Aber er sieht nur den einen Ausweg, sich über die „Wahrheit“ des Nihilismus selbst zu betrügen, und das geht auch nicht: niemand kann einen Glauben, den er für wahr hält, einfach verscheuchen (ob dieser Glaube wahr ist oder nicht, ist eine andere Frage), denn niemand kann etwas glauben, das er für falsch hält, was der Nihilist aber tun müßte. Da der Nihilist an die Sinn- und Zweck- und Wertlosigkeit aller Dinge glaubt, kann er nicht einfach hergehen und ab nun an das Gegenteil glauben. Er kann nur eines tun: sich einen Sinn und einen Zweck und einen Wert „setzen“, was aber nicht so einfach ist, wie es klingt. Da er Sinn, Zweck und Wert nicht aus der „Wirklichkeit“ ableiten kann, gibt es für ihn nur ein Kriterium, nämlich seine subjektiven Wünsche (N sagt dazu häufig „Geschmack“). Seine Wünsche aber, dessen ist er sich wohl im Klaren, sind alles andere als allgemeingültig, nicht nur, weil die Wünsche von Mensch zu Mensch differieren, sondern weil auch seine eigenen Wünsche nicht konstant dieselben bleiben, also einen äußerst schlüpfrigen Boden für Wertsetzungen darstellen. Da es aber für ihn der einzige Boden ist, muß er konsequenterweise annehmen, daß es für alle anderen ebenso ist, daß also auch alle anderen ihre Werte auf diesem schlüpfrigen Boden subjektiver Wünsche bauen, nur daß sie, so glaubt der Nihilist, (noch) nichts davon wissen. Plakativ auf den Punkt gebracht, sagt ein Nicht-Nihilist „Es ist so!“, während der Nihilist sagen müßte: „Ich will es so!“ Aber will er es? Für den Nihilisten ist das Leben sinnlos und es bedarf einer äußerst kreativen Selbstüberlistung, sich selbst einen Sinn vorzutäuschen. Hier kann man sich der Nihilist, wenn er die Kraft hat, an das Lebensmotto Nietzsches halten: „Lieber sich selbst etwas vormachen, als anderen etwas nachmachen!“
Zu den Zwecken:
Bei der Betrachtung des Verhaltens von Organismen schließt die Betonung der Wirkursache ja des Zweckursache nicht aus. Am Beispiel eines durstigen Hundes läßt sich das besser verdeutlichen als bei der Pflanze. Ein Hund, der Durst hat, steht auf und läuft zu seinem Trinknapf. Die Wirkursachen sind zweifellos die mit dem Durst verbundenen physiologischen Bedingungen. Aber das er zielstrebig zu seinem Trinknapf läuft wäre eine Antwort auf die Frage wozu. Der Trinknapf wäre also für den Hund die causa finalis. Er wird vom mentalen Bild des Trinknapfes dorthin gezogen, weil dieser das Ziel seiner Wünsche ist.
Das kann man von einem Stein, der einen Berghang hinunter rollt, alles nicht sagen. Hier gibt es in der Tat nur die Wirkursache.
An einem interessanteren Beispiel aus Rupert Riedl; Evolution und Erkenntnis, sei das Zusammenspiel beider Ursachen nochmals verdeutlicht:
„Lupenreinen Natur- und-Geisteswissenschaften ist es ein Greuel geworden, da Teleologisches ungefiltert in das Kausaltheorem, dort Kausalität in die Haine des Finalen einfließen zu sehen. Prüfen wir daher gleich einen der neuralgischen Punkte am Beispiel der Schere einer Krabbe:
Sagt der Biologe „die Krabbenschere ist zum Zwecke des Schneidens gemacht, und ihre Entwicklung zielt auf noch besseres Schneiden ab“, so ist das finalistisch ausgedrückt, so, als ob sich die Schere etwas vorgenommen hätte oder doch von einem Ziel aus der Zukunft gelenkt würde. Dasselbe beschreibt aber, wie man bei KONRAD LORENZ findet, „die Selektion, die unter allen erblichen Zufallsvarianten eines Krabbenbeines fortgesetzt jene ausliest, die der Milieubedingung, damit Futter abzuschneiden, am nächsten kommen“. Der finale Ausdruck ist damit zum kausalen gewandelt. Der scheinbare Gegensatz ist aufgelöst. In Wahrheit hat er nie existiert, sondern Material und Formbedingungen wirken zusammen; die Untersysteme der Organisation haben geschoben, die Obersysteme der Milieuselektion haben gezogen. Der scheinbare Gegensatz enthält nichts anderes als den allgemeinen Antagonismus zweiseitiger Ursache. Das Ziel der Schere entspricht den Bedingungen des Milieus. Die Finalursache entspricht also der Formbedingung des nächst übergeordneten Systems.“
Die weiteren Antworten zu Deinem Kommentar später. Jetzt muß ich einkaufen.
Zur Ethik:
Es scheint offensichtlich zu sein, daß man aus dem Sein kein Sollen ableiten kann. Die Nat. Wiss. zeigt funktionale Zusammenhänge auf nach dem Muster, wenn a, dann b. Die Tatsachen werden dann letztendlich rational in Theorien verknüpft. In all diesem Tuen taucht nie der Begriff „gut“ oder „böse“ auf. Von daher lassen sich Sollen-Sätze nicht naturwissenschaftlich ableiten oder begründen.
Aber natürlich werten Menschen und viele werden sagen, was meiner Selbsterhaltung dient ist gut. Aber diese Menschen müßten diese Maxime, philosophisch betrachtet, begründen.
Deine Prognose, daß im Fall einer Hungersnot es sehr schnell mit dem Mitleid vorbei sein wird, ist wohl wahr. Ich wollte in erster Linie durch das Beispiel darauf hinweisen, daß bestimmte ethische Normen weltweit akzeptiert sind. Damit meine ich nicht, daß alle sich daran halten. Ich kenne eigentlich nur das Beispiel Nietzsche, der diese Ethik kategorisch ablehnte und die realisierte Antimitleidsethik der Nationalsozialisten. -
Das die Soziobiologie die Wurzeln dieses ethischen Verhaltens biologisch/genetisch zu erklären vermag, sagt nichts über die Geltung der Norm. Man kann auch das Lügen letztlich im Schein eines Selektionsvorteils sehen, wodurch es aber keineswegs gerechtfertigt ist.
Die große Frage, die jetzt bleibt: Wie rechtfertigt man ethische Normen?
Wenn man, wie N. in irgendeinem Fragment sagt: „Nichts ist wahr, alles erlaubt!“ so gerät man in einen Wertrelativismus der das Verhalten des hl. Franz von Assisi mit dem von Himmler und Konsorten gleichsetzt, eine unerträgliche Situation.
Um meine Position noch einmal kurz zusammenzufassen:
Wir sind keine Instinktmaschinen. Da ich der Meinung bin, daß Menschen hin und wieder so, aber auch anders können, muß Verhalten/ Norm begründet werden. Dazu trägt die Soziobiologie nichts bei. Es kommt auf Geltung, nicht auf Genese an.
Soll-Sätze sind Imperative. Imperative können und brauchen nicht gerechtfertigt zu werden. Sie werden verlangt. Sie haben fordernden Charakter, wobei der Grad der Forderung zwischen den Polen Empfehlung/Appell/Bitte einerseits und Befehl/Zwang/Drohung andererseits liegen kann. Die Nichtbefolgung eines solchen Imperativs wird in der Regel mit Ausschluß geahndet, wobei der Grad des Ausschlußes mit dem Grad der Forderung korreliert, sie kann reichen von der Meidung des rentitenten Individuums bis zum Ausschluß aus der Gesellschaft (lebenslange Haft oder sogar Todesstrafe). Eine Ethik ist ein System von (verinnerlichten) Imperativen. Ihre Geltung ist umso nachhaltiger, je mehr Individuen diese Imperative verinnerlicht und je stärker diese sie verinnerlicht haben.
Wenn Du folgende ethische Sätze als nicht begründbar ansiehst, stehen sie doch gleichberechtigt nebeneinander:
a) Du sollst allen Menschen gleichermaßen Gutes tun!
b) Du sollst nur denen Gutes tun, die der gleichen Rasse wie du selbst angehören.
„Nichts ist wahr, alles erlaubt.“ – nicht wahr?
Den Hinweis auf die Wahrheit verstehe ich nicht. Ethische Sätze sind weder wahr noch unwahr, sie sind gar nicht wahrheitsfähig und haben daher mit Wahrheit nichts zu tun.
Weiters ist mir nicht ganz klar, was du mit „gleichberechtigt“ meinst. Die beiden Imperative, die du anführst, schließen einander aus. Hier muß gewählt werden. Und wie die Wahl ausfällt, hängt davon ab, was für ein Mensch du bist und von welchen Menschen du umgeben bist. Wenn du die Vorschrift a) befolgen möchtest und bist von Menschen umgeben, die ihr Zusammenleben nach der Vorschrift b) organisieren, werden sie dich aus ihrer Mitte ausschließen. Bist du ein Mensch, der lieber die Vorschrift b) befolgen möchte und bist von Menschen umgeben, die nach der Vorschrift a) leben, ebenso.
Entscheidend ist eben, welche Imperative in einer Gesellschaft gelten, und nicht welche „wahr“ sind. Denk an Sparta, dieses Miniaturmodell eines extrem faschistischen Staates, der immerhin viele hundert Jahre funktioniert hat. Ich möchte in einem Staat wie Sparta nicht angemalen sein, aber sag das mal einem Spartaner.
Die Feststellung „alles ist erlaubt“ ist ja sehr fiktiv! Ist denn alles erlaubt??? Außerdem kommt’s drauf an, was du dir selbst erlaubst. Wenn es dich drängt, ein Massenmörder zu werden und du es dir erlaubst, weil du alle dir bewußten Konsequenzen, die dir drohen könnten, in den Wind schlägst ….. wer könnte dich dann daran hindern? Und nach welcher ethischen Vorschrift sollte mit dir dann verfahren werden, wenn du dir solche „Freiheiten“ erlaubst? Wenn du nach der Vorschrift a) leben möchtest, was tust du dann mit dem Mörder deiner Kinder?
Ich habe mich wahrscheinlich unklar ausgedrückt. Das Nietzschezitat „Nichts ist wahr, etc.“ sollte nicht auf die Wahrheit der darüber stehenden Sätze abheben, sondern in seinem zweiten Teil das Problem verstärken, was ich in den Sätzen dar zustellen versuchte.
Letztendlich ist es so, daß der Konsenz in der Gesellschaft über die herrschenden Normen entscheidet. Aber dem vorgängig ist doch die Geltungsfrage. Hier gibt es ,soweit ich sehe, folgende Möglichkeiten.
a) Wenn man die Geltungfrage als irrelevant ansieht oder erst gar nicht in das Blickfeld bekommt, dann ist halt jeder ethische Entwurf gleichermaßen richtigt/berechtigt (gerechtfertigt).
In diesem Fall läuft es auf eine machtpositivistische Entscheidung hinaus, wie z.B. in Sparta; aber auch, wenn man im Hinblick auf ethische Normen einen relativistischen Standpunkt (alles ist erlaubt) einnimmt und es nur von den Mehrheitsbeschlüssen abhängig sehen will, welche Ethik zu praktiziert werden soll.
b) Wenn man die Geltungsfrage ernst nimmt, dann geht einer demokratischen Entscheidung eine wertrationale Diskussion voraus, in der sich zeigen kann, daß nicht jede ethische Position gleichwertig neben der anderen stehen kann.