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Delphi

Delphi, 76.Olympiade

Tempel des Apollon

Oh, Nikomachus, guter Freund, laß Dir berichten von der Ankunft Apollons zum Fest des neuen Lichtes!

Schon seit Tagen strömten festlich gekleidete Menschen aus allen Teilen unserer Welt herbei. An den Wegrändern boten findige Händler ihre Waren feil, Brot, Wein, Öl, Opfertiere, jene die Hungrigen zu speisen, diese, den Göttern zur Freude.

Schreiber priesen ihre Dienste an, die Fragen an den Gott respektvoll und demütig zu formulieren.

Im Stadion bereiteten  schweißglänzende Athleten ihre Wettkämpfe  zum großen Fest vor. Wisse, daß das Wagenrennen durch die berühmten Pferde aus Gela in diesem Jahr   zu einem besonderern Ereignis der festlichen Spiele werden wird. Das Theater war erfüllt vom Gesang der Chöre, sich überbietend, die göttlichen Eigenschaften  Apolls zu preisen.


Apoll
Alles ist Erwartung, freudige, mitunter auch angstvolle Erwartung.

Heute nun ist der Geburtstag des Gottes. Die Phytia beendet ihr winterliches Schweigen. Schon in der Dunkelkeit versammelten sich viele Menschen an der Kastalischen Quelle und erwarteten die Seherin.

Es dämmert schon als  in weißen Gewändern die Priester, in ihrer Mitte die Phytia, erscheinen. Die heiligen Texte rezitierend reinigen sie sich im heiligen Wasser, lauschend dem Murmeln der göttlichen Quelle. Nun zieht eine lange Prozession, angeführt von Musikanten mit Leiern und Flöten, singend an den Schatzhäusern und Ruhmeszeichen vorbei zum Tempel des Apollon. Dort  wird die Phytia von zwei Oberpriestern über den blumenbestreuten Weg in das Heiligtum geführt, während die übrigen Priester auf dem Vorplatz im Kreise  feierlich den Frühlingspäan tanzen.

Delphipanorama


Und, glaube mir, aus den im Licht aufflammenden Felsen schien das Meckern von Ziegen herab zu tropfen, daß sich in ein, das ganze Felsenrund erfüllendes, heiteres Lachen verwandelte. Wahrlich, glaube mir mein Freund, er ist da, der Gott mit der Leier, der Gott des Lichtes!

Aus der Ferne Dein Freund Kallikles

©B.M.

Nachtrag zu Delphi

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
……………
Doch uns ist gegeben
Auf keiner Stätte zu ruhn
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur anderen,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
(aus: F. Hölderlin; Hyperions Schicksalslied)

Delphi – dem Zauber dieses Ortes kann man sich auch heute nicht entziehen, wenn man sich  gemeinsam mit vielen Besuchern, wie einst die Pilger,  auf den Weg zu den Heiligtümern begibt; unten im Tal das der Athene und in der Höhe das des Apollons, in dem auch periodisch der Gott Dionysos erschien.
Und Schritt vor Schritt in heißer Sonne mühsam den Berg besteigend, an den Resten der Schatzhäusern  vorbei, in denen die Trophaen der Siege über  die Nachbarn ausgestellt waren, jener Athens über Sparta, Spartas über Athen, Argos über Korinth, Korinths über Argos und so fort – auf einer “Straße des Hasses” (JB) drängt eine Frage an:

Was war das für eine Religion, jenes Pantheon mit einer Welt voll von Göttern, Halbgöttern und gottgleichen Heroen? -
Wer waren diese Götter und Halbgötter, die in unvergleichlicher Schönheit im Mythos, von den Sängern besungen wurden:
Wenn die Morgenröte, die heilige Eos, als die frühtagende,  die rosenfingrige beschrieben wird oder  Helios, der Sonnengott, der in den Okeanos hinabsteigend hinter sich  die dunkle Nacht über die nährende Erde zieht….

Aber was ist die Frage nach einer vergangenen Religion? Ist sie nicht wie der Versuch einer Rekonstruktion aus “etwas Stoff und einer Handvoll Seegras, dem Rest, der von einer ehemaligen Puppe übrigbleib?” (JF)

Wir sind gewohnt, die Frage nach Gott oder Göttern ausgehend vom Bild eines christlichen, auf jeden Fall monotheistischen, Gottesbildes zu betrachten, an das man glauben kann oder auch nicht.
Für die Griechen war die Existenz der Götter eine fraglose Gewissheit. Sie  erfuhren ihre Anwesenheit im täglichen Leben, denn das Wesen dieser Götter war im Anfang vermutlich “wilder dämonischer Wille, sei es daß sie wogende Naturmächte waren oder Herren des Menschenlebens” (JB)
Im monotheistischen Gottesbild  werden Gott bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Gott ist die Liebe, Gott ist allmächtig, o.ä. Gott ist in dieser Aussage Subjekt, über das etwas ausgesagt wird.
Anders die Sicht in der  alten griechischen Religion. Hier nehmen die Götter nicht die Rolle eines Subjekts ein, über das etwas gesagt wird ein, sondern  die Rolle eines Prädikats, die Rolle einer Aussage über einen bestimmten Gegenstand. (KH)
In der griechischen Literatur gibt es Beispiele “wo von der leidenschaftlichen  Liebe eines Menschen oder von einem erschreckenden Ereignis im Kriege, die Rede ist. Sie bilden das Subjekt der Aussage, und nun wird über dieses Subjekt ausgesagt: das ist der Gott.” (K H)
Wahrscheinlich hat jeder in seinem Leben einmal einen Moment  rauschhafter Ekstase erlebt – seit umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt – jene große Kommunion, die alle Schranken aufhebt. Diesen Zustand erfuhren die alten Griechen als die Erscheinung des Gottes Dionysos. Das war der Gott.
Insofern war ihnen die Existenz der Götter eine Gewissheit.
“In allen Lebenssituationen kann uns das Übermächtige, das, was die durchschnittlichen und alltäglichen Begebenheiten übersteigt, also das göttliche im griechischen Sinne begegnen…..
Es kann [nun] eine ganz besondere Erfahrung des Gottes geben, [ nämlich dann], wenn uns das Staunen darüber befällt, daß alles Erscheinen überhaupt ein Wunder ist: Immer neue Vorkommnisse tauchen auf unter dem Himmel. Dadurch wird das Dunkel der Vergänglichkeit, die Verschlossenheit der Erde, aus der wir Sterblichen stammen und in die wir ja auch wieder zurückkehren, gleichsam aufgebrochen. Dieses Wunder kann uns überwältigen, und in diesem Erlebnis erhält alles in der Welt einen neuen Glanz, weil das Welterscheinen selbst zur Erscheinung kommt. Das Licht, das den Raum unserer Lebenswelt  erfüllt und belebt, tritt selbst ans Licht. Das Göttliche, das uns in dieser einzigartigen Erfahrung begegnet nennen die Griechen Apoll” (KH).
Das ist Delphi!

Jacob Burkhardt: Griechische Kulturgeschichte (JB)
Joachim Fernau: Rosen für Apoll (JF)
Klaus Held: Treffpunkt Platon (KH)

so lautet der Titel eines Vortrages, den Ransbach neulich auf einem schwarzen Brett las. Der Autor des Vortrags sollte ein Philosophieprofessor der RWTH Aachen, mit Namen D.Wandschneider (1) sein. Ransbach schien das Ganze ein ungewöhnliches Unterfangen in der eher nüchternen Atmosphäre einer technischen Hochschule.

Na, dachte er, das wird wohl eher etwas für´s Feuilleton. Einem wohl gottlosen Zeitgenossen neben ihm entfuhr beim Lesen ein zutiefst selbstsicheres „Was soll der Quatsch?“
Nun ist es in der Tat so, daß der „Rheinländer an sich“ von Geburt, wie Konrad Beikircher tiefsinnig festgestellt hat, dem normalen Glauben angehört, egal ob „esuh“ oder „esuh“ (2), und mit dem Lied, „wer hat dich du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben“, ist die Sache doch wohl abgetan.
Ransbach jedoch ist ein eher versponnener Hinterwäldler und deswegen, obwohl er auch unter die Kategorie des „Rheinländers an sich“ fällt, zog es ihn in den Vortrag.
Schon nach wenigen Sätze hat es ihn elektrisiert. Da trat einer mit dem Anspruch auf, etwas zu sagen, von dem er überzeugt war. Das war war kein gekünsteltes Jonglieren mit schönen Worten. In glänzender Trockenheit wurden da Gedanken entwickelt.
Die Natur ist gesetzmäßig, kein Chaos, denn von einem Chaos könnten wir nichts wissen.
Dann die Frage: Gibt es, in philosophischer Sicht, eine Erklärung für die Gesetzmäßigkeit der Natur? Diese Frage wurde  bejaht. Als Begründung führte Wandschneider zwei Argumente an:
Erstens, die Absolutheit einer Fundamentallogik, die allen abgeleiteten Logiken zugrunde liegt, und
zweitens, den dialektischen Charakter des Logischen.
Was ist der Kern der ersten Aussage? Alles was wir wissen, fassen wir in Begriffe. Etwas Geistfremdes, im weitesten Sinne, gibt es nicht. Als Fundamentallogik beschreibt Wandschneider ein System logischer Grundbegriffe, das für jedes Argumentieren, auch wissenschaftliches Argumentieren, Voraussetzung ist, darin z.B. das Prinzip vom zu vermeidenden Widerspruch; Kategorien wie Differenz, Bedingung, Identität. Diese Fundamentallogik ist nicht durch außerlogische Prämissen begründbar, denn dadurch entstünde schon ein logisches Verhältnis. Sie setzt sich selbst voraus, diese Logik ist unbedingt, absolut! Sie ist Kern der Gesetzmäßigkeit der Welt.
Ransbach zögerte. Aber unausgesprochen schwang im Raum ein forderndes „Hat man verstanden?!“
Wandschneider: „Im Rahmen des objektiven Idealismus eines Platon oder Hegel steht sie daher für das Göttliche. ,,Die Logik“, so formuliert Hegel in biblisierender Sprache, sei „die Darstellung Gottes …,wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist „
Nach dieser Eröffnung folgte die dialektische Entwicklung: Kern einer dialektischen Logik ist, daß zu einer positiven Bestimmung stets seine negative gehört. Ohne Böses kein Gutes, zur Freiheit gehört die Unfreiheit als negative Bestimmung, zum Sein das Nichtsein, zur Identität der Unterschied, zum Endlichen das Unendliche, zum Unbedingten das Bedingte und zu allem als Drittes die Beziehung der Gegensatzpaare zueinander.
Wandschneider: “ Der dialektische Charakter des Logischen besteht also grundsätzlich in dieser Dreiheit des Positiven, des Negativen und der Beziehung beider……..Die Absolutheit des Logischen bedeutet, dass dieses, als selbstbegründend…, nicht von logikexternen Instanzen abhängig ist und in diesem Sinn aus sich selbst Bestand hat: ein fundamentales, schlechthin unhintergehbares, absolut notwendiges Sein – das Logische als das Göttliche. Nach dem Gesetz der Dialektik gehört zum Logischen aber stets auch das Nicht-Logische.“
Dieses nichtlogische, im Gegensatz zum mit sich selbst identischen Logischen, ist vereinzelt  in der empirischen, räumlich und zeitlichen Natur realisiert.
Wandschneider: „Die Natur, als das Nicht-Logische, das nach dem Gesetz der Dialektik untrennbar zum Logischen hinzugehört, ist so vielmehr als ein ewiges Begleitphänomen des Logischen zu verstehen – ‘ewig’ in einem überzeitlich-logischen Sinn – oder wiederum in religiöser Redeweise: Zu Gott gehört immer auch die Erschaffung der Welt; Gott kann nicht Gott ohne Schöpfung sein.“ und die Naturgesetze betreffend: „Wenn die Natur als das Nicht-Logische bestimmt ist, dann heißt das zum einen, wie gesagt, dass sie, im Unterschied zum Logischen, durch Außereinandersein charakterisiert ist. Als das ‘Nicht-Logische’ bleibt sie anderseits dialektisch an das Logische zurückgebunden, d.h. als Negation des Logischen bleibt sie auf das Logische bezogen, mit andern Worten: Die Natur erscheint wohl als das Nicht-Logische, aber ihrer Erscheinung liegt das Logische als ihr Wesen zugrunde. In der Tat gibt es so etwas wie eine Logik des Naturseins, die dessen Erscheinungsformen und Prozesse durchgängig bestimmt und deshalb auch das eigentliche Ziel wissenschaftlicher Forschung ist – die Naturgesetze.“
Der Vortrag ging noch eine Weile hin, aber Ransbach war gefesselt von den hier entwickelten Gedanken. Jedoch im Geiste hörte er schon den vielfältigen Chor: Alles Quatsch! Alles Spekulation! Wo sind die Beweise, wo die Experimente?
Ja,ja,  dachte Ransbach als er den Saal verließ, es mag schon sein, daß es bessere Erklärungen gibt.
Auf solche wäre er neugierig, hat er mir im Vertrauen sagte.

1) Prof. Dr.D.Wandschneider war Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie  an der RWTH Aachen. er ist mittlerweile emeritiert. Die Vortragsreihe ist in Buchform im Gütersloher Verlagshaus Chr. Kaiser erschienen; Hg. Sigurd Martin Daecke u. Jürgen Schnackenberg. Der Vortrag von Prof. Wandschneider steht im Netz und wird unter dem Titel „Über das Göttliche in der Natur“ bei Google aufgelistet.
2) „so der so“ , also katholisch, evangelisch oder auch anders

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