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Rhenus – Flussgott

Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen,Flussgott
Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
Lenkte damals seinen goldnen Wagen
Helios in stiller Majestät.
Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas lebt´in jedem Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme Silberschaum
……
Müßig kehrten zu dem Dichterlande
Heim die Götter, unnütz einer Welt
Die, entwachsen ihrem Gängelbande
Sich durch eignes Schweben hält.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben , alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
aus “Die Götter Griechenlands”von Friedrich Schiller

………….

Ich sitze hier, vor mir grün flimmernde Monitore. Dicke Bündel von Messfühlern führen nach draußen. Ich überwache den Strom, ich bin Wärter am Fluss. Im Raum hört man gedämpft die monotonen Stimmen der Schiffsführer aus dem Funkgerät. Es ist Nacht. Unter meinem Wärterhaus rauscht und gurgelt das schwarze Wasser. Durch das offene Fenster weht mir der feuchte Atem des Stromes entgegen. Es riecht nach verwesendem Fisch und Diesel. Aus der Ferne dringt das Rumoren von Schiffsmotoren zu mir herein, von Schiffen, die von Radarfingern aus dem Dunkel gezogen werden und sich langsam über die phosphoreszierenden Monitore bewegen.
Ach, Sie kennen mich nicht?
Wie soll ich es ihnen erklären? Meine Kollegen begegnen mir mit einer gewissen Scheu. Da ich immer nur nachts arbeite, sehen wir uns kaum. Sie nennen mich im Scherz den Flussgott, wohl weil ich am längsten hier bin.
Und Recht haben sie, ich bin in der Tat schon sehr lange hier. Sie müssen verstehen: Nachdem man mich vertrieben hatte, blieb mir keine andere Wahl, als diese Arbeit hier anzunehmen. Manch einem meiner Zunft ist es damals schlechter ergangen, nachdem – na sie wissen schon – unsereiner muss heute vorsichtig sein.
Oh, Sie wissen nicht, was seinerzeit geschah?
Einst liebten und fürchteten die Menschen den heiligen Strom. Wenn der Titan über die Ufer trat und die dunklen Wasser an den Mauern ihrer Häuser saugten, so als hole der Gott sich seine Opfergaben, knieten sie in ihren Kammern und baten, daß er sie verschonen möge. Und oftmals hörte der Gott ihre innigen Bitten und wich zurück, nicht ohne ihr Land mit Fruchbarkeit zu segnen. Zu anderer Zeit erleichterte er ihre Tage, und sie erfreuten sich an ihm. Er erfrischte ihre Sommer und ihre Winter machte er mild.
Eines Tages jedoch kamen neue Prediger ins Land. Auf ihren Fahnen prunkte die alles erklärende Mechanik, die Hydrodynamik, die Kalorik und was weiß ich. Sie lockten mit Geld und einem besseren Leben hier am Strom. Berauscht von diesen Reden verengte sich der Blick der Menschen. Mit kaltem Auge blinzelten sie, den Profit taxierend, mich und meinesgleichen an.Nun beten sie das Glaubensbekenntnis von Masse und Bewegung, und über allem thront ihr Gott , die Zahl. Ihrer Taten Maß ist Steigerung und Ertrag, ihr Hosianna heißt heute Effizienz. Mit ihrer Gier und ihrem kleinen Denken legten sie Hand an den heiligen Strom. Sie zwängten ihn in stählerne Spuren. Sie überschütteten ihn mit Unrat, verspotteten den Gott mit ihrem Schmutz, sie vergifteten das Wasser, sie zerstörten die Ufer und peinigten schließlich Mensch und Tier. Das war die Zeit, als ich diesen Job hier annehmen musste.
Ich frage sie, kann das die Wahrheit sein? – Wie dem auch sei, mich und meinesgleichen vergaß man.
Doch war ich es nicht, der ihnen äonenlang vom fernen Alpengebirge die reinen, grünen Wasser schenkte? Tränkte ich sie nicht alle, die Pflanzen und Tiere? Gab ich nicht den Menschen Wein und Früchte im Überfluss. Ich ließ alle wachsen und sie kamen und gingen im Gleichmaß der Zeit, das nehmend, was ihnen zustand und nicht mehr.
Oh, wie vermisse ich den Gesang der Fischer, die blühenden Obstgärten, die im Frühling die Ufer säumten.Manchmal trägt der geschwätzige Morgenwind mir von Süden her leise den Ton einer Tritonenmuschel über die Berge zu. Dann ergreift Freude mein Herz, und ich stürze ans Fenster. Kommen sie? Sind dort nicht Sirenen in grünschilfigem Kleid und dort, ist dort nicht der emsige Zug schnellfüßiger Krebse und silbern blitzender Fische?
Doch in der Dämmerung fingern nur die Scheinwerfer fahrender Autos hastig über die Uferstraße. Im Osten zeigt sich der erste Schimmer, der Strom fließt wie Blei.
Ich packe meine Sachen, ein stechender Schmerz ist in meiner Brust.
Die Welt wird nie mehr verzaubert sein.
© B.M.

Delphi

Delphi, 76.Olympiade

Tempel des Apollon

Oh, Nikomachus, guter Freund, laß Dir berichten von der Ankunft Apollons zum Fest des neuen Lichtes!

Schon seit Tagen strömten festlich gekleidete Menschen aus allen Teilen unserer Welt herbei. An den Wegrändern boten findige Händler ihre Waren feil, Brot, Wein, Öl, Opfertiere, jene die Hungrigen zu speisen, diese, den Göttern zur Freude.

Schreiber priesen ihre Dienste an, die Fragen an den Gott respektvoll und demütig zu formulieren.

Im Stadion bereiteten  schweißglänzende Athleten ihre Wettkämpfe  zum großen Fest vor. Wisse, daß das Wagenrennen durch die berühmten Pferde aus Gela in diesem Jahr   zu einem besonderern Ereignis der festlichen Spiele werden wird. Das Theater war erfüllt vom Gesang der Chöre, sich überbietend, die göttlichen Eigenschaften  Apolls zu preisen.


Apoll
Alles ist Erwartung, freudige, mitunter auch angstvolle Erwartung.

Heute nun ist der Geburtstag des Gottes. Die Phytia beendet ihr winterliches Schweigen. Schon in der Dunkelkeit versammelten sich viele Menschen an der Kastalischen Quelle und erwarteten die Seherin.

Es dämmert schon als  in weißen Gewändern die Priester, in ihrer Mitte die Phytia, erscheinen. Die heiligen Texte rezitierend reinigen sie sich im heiligen Wasser, lauschend dem Murmeln der göttlichen Quelle. Nun zieht eine lange Prozession, angeführt von Musikanten mit Leiern und Flöten, singend an den Schatzhäusern und Ruhmeszeichen vorbei zum Tempel des Apollon. Dort  wird die Phytia von zwei Oberpriestern über den blumenbestreuten Weg in das Heiligtum geführt, während die übrigen Priester auf dem Vorplatz im Kreise  feierlich den Frühlingspäan tanzen.

Delphipanorama


Und, glaube mir, aus den im Licht aufflammenden Felsen schien das Meckern von Ziegen herab zu tropfen, daß sich in ein, das ganze Felsenrund erfüllendes, heiteres Lachen verwandelte. Wahrlich, glaube mir mein Freund, er ist da, der Gott mit der Leier, der Gott des Lichtes!

Aus der Ferne Dein Freund Kallikles

©B.M.

Nachtrag zu Delphi

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
……………
Doch uns ist gegeben
Auf keiner Stätte zu ruhn
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur anderen,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
(aus: F. Hölderlin; Hyperions Schicksalslied)

Delphi – dem Zauber dieses Ortes kann man sich auch heute nicht entziehen, wenn man sich  gemeinsam mit vielen Besuchern, wie einst die Pilger,  auf den Weg zu den Heiligtümern begibt; unten im Tal das der Athene und in der Höhe das des Apollons, in dem auch periodisch der Gott Dionysos erschien.
Und Schritt vor Schritt in heißer Sonne mühsam den Berg besteigend, an den Resten der Schatzhäusern  vorbei, in denen die Trophaen der Siege über  die Nachbarn ausgestellt waren, jener Athens über Sparta, Spartas über Athen, Argos über Korinth, Korinths über Argos und so fort – auf einer “Straße des Hasses” (JB) drängt eine Frage an:

Was war das für eine Religion, jenes Pantheon mit einer Welt voll von Göttern, Halbgöttern und gottgleichen Heroen? -
Wer waren diese Götter und Halbgötter, die in unvergleichlicher Schönheit im Mythos, von den Sängern besungen wurden:
Wenn die Morgenröte, die heilige Eos, als die frühtagende,  die rosenfingrige beschrieben wird oder  Helios, der Sonnengott, der in den Okeanos hinabsteigend hinter sich  die dunkle Nacht über die nährende Erde zieht….

Aber was ist die Frage nach einer vergangenen Religion? Ist sie nicht wie der Versuch einer Rekonstruktion aus “etwas Stoff und einer Handvoll Seegras, dem Rest, der von einer ehemaligen Puppe übrigbleib?” (JF)

Wir sind gewohnt, die Frage nach Gott oder Göttern ausgehend vom Bild eines christlichen, auf jeden Fall monotheistischen, Gottesbildes zu betrachten, an das man glauben kann oder auch nicht.
Für die Griechen war die Existenz der Götter eine fraglose Gewissheit. Sie  erfuhren ihre Anwesenheit im täglichen Leben, denn das Wesen dieser Götter war im Anfang vermutlich “wilder dämonischer Wille, sei es daß sie wogende Naturmächte waren oder Herren des Menschenlebens” (JB)
Im monotheistischen Gottesbild  werden Gott bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Gott ist die Liebe, Gott ist allmächtig, o.ä. Gott ist in dieser Aussage Subjekt, über das etwas ausgesagt wird.
Anders die Sicht in der  alten griechischen Religion. Hier nehmen die Götter nicht die Rolle eines Subjekts ein, über das etwas gesagt wird ein, sondern  die Rolle eines Prädikats, die Rolle einer Aussage über einen bestimmten Gegenstand. (KH)
In der griechischen Literatur gibt es Beispiele “wo von der leidenschaftlichen  Liebe eines Menschen oder von einem erschreckenden Ereignis im Kriege, die Rede ist. Sie bilden das Subjekt der Aussage, und nun wird über dieses Subjekt ausgesagt: das ist der Gott.” (K H)
Wahrscheinlich hat jeder in seinem Leben einmal einen Moment  rauschhafter Ekstase erlebt – seit umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt – jene große Kommunion, die alle Schranken aufhebt. Diesen Zustand erfuhren die alten Griechen als die Erscheinung des Gottes Dionysos. Das war der Gott.
Insofern war ihnen die Existenz der Götter eine Gewissheit.
“In allen Lebenssituationen kann uns das Übermächtige, das, was die durchschnittlichen und alltäglichen Begebenheiten übersteigt, also das göttliche im griechischen Sinne begegnen…..
Es kann [nun] eine ganz besondere Erfahrung des Gottes geben, [ nämlich dann], wenn uns das Staunen darüber befällt, daß alles Erscheinen überhaupt ein Wunder ist: Immer neue Vorkommnisse tauchen auf unter dem Himmel. Dadurch wird das Dunkel der Vergänglichkeit, die Verschlossenheit der Erde, aus der wir Sterblichen stammen und in die wir ja auch wieder zurückkehren, gleichsam aufgebrochen. Dieses Wunder kann uns überwältigen, und in diesem Erlebnis erhält alles in der Welt einen neuen Glanz, weil das Welterscheinen selbst zur Erscheinung kommt. Das Licht, das den Raum unserer Lebenswelt  erfüllt und belebt, tritt selbst ans Licht. Das Göttliche, das uns in dieser einzigartigen Erfahrung begegnet nennen die Griechen Apoll” (KH).
Das ist Delphi!

Jacob Burkhardt: Griechische Kulturgeschichte (JB)
Joachim Fernau: Rosen für Apoll (JF)
Klaus Held: Treffpunkt Platon (KH)

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