so lautet der Titel eines Vortrages, den Ransbach neulich auf einem schwarzen Brett las. Der Autor des Vortrags sollte ein Philosophieprofessor der RWTH Aachen, mit Namen D.Wandschneider (1) sein. Ransbach schien das Ganze ein ungewöhnliches Unterfangen in der eher nüchternen Atmosphäre einer technischen Hochschule.
Na, dachte er, das wird wohl eher etwas für´s Feuilleton. Einem wohl gottlosen Zeitgenossen neben ihm entfuhr beim Lesen ein zutiefst selbstsicheres “Was soll der Quatsch?”
Nun ist es in der Tat so, daß der “Rheinländer an sich” von Geburt, wie Konrad Beikircher tiefsinnig festgestellt hat, dem normalen Glauben angehört, egal ob “esuh” oder “esuh” (2), und mit dem Lied, “wer hat dich du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben”, ist die Sache doch wohl abgetan.
Ransbach jedoch ist ein eher versponnener Hinterwäldler und deswegen, obwohl er auch unter die Kategorie des “Rheinländers an sich” fällt, zog es ihn in den Vortrag.
Schon nach wenigen Sätze hat es ihn elektrisiert. Da trat einer mit dem Anspruch auf, etwas zu sagen, von dem er überzeugt war. Das war war kein gekünsteltes Jonglieren mit schönen Worten. In glänzender Trockenheit wurden da Gedanken entwickelt.
Die Natur ist gesetzmäßig, kein Chaos, denn von einem Chaos könnten wir nichts wissen.
Dann die Frage: Gibt es, in philosophischer Sicht, eine Erklärung für die Gesetzmäßigkeit der Natur? Diese Frage wurde bejaht. Als Begründung führte Wandschneider zwei Argumente an:
Erstens, die Absolutheit einer Fundamentallogik, die allen abgeleiteten Logiken zugrunde liegt, und
zweitens, den dialektischen Charakter des Logischen.
Was ist der Kern der ersten Aussage? Alles was wir wissen, fassen wir in Begriffe. Etwas Geistfremdes, im weitesten Sinne, gibt es nicht. Als Fundamentallogik beschreibt Wandschneider ein System logischer Grundbegriffe, das für jedes Argumentieren, auch wissenschaftliches Argumentieren, Voraussetzung ist, darin z.B. das Prinzip vom zu vermeidenden Widerspruch; Kategorien wie Differenz, Bedingung, Identität. Diese Fundamentallogik ist nicht durch außerlogische Prämissen begründbar, denn dadurch entstünde schon ein logisches Verhältnis. Sie setzt sich selbst voraus, diese Logik ist unbedingt, absolut! Sie ist Kern der Gesetzmäßigkeit der Welt.
Ransbach zögerte. Aber unausgesprochen schwang im Raum ein forderndes “Hat man verstanden?!”
Wandschneider: “Im Rahmen des objektiven Idealismus eines Platon oder Hegel steht sie daher für das Göttliche. ,,Die Logik”, so formuliert Hegel in biblisierender Sprache, sei „die Darstellung Gottes …,wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist “
Nach dieser Eröffnung folgte die dialektische Entwicklung: Kern einer dialektischen Logik ist, daß zu einer positiven Bestimmung stets seine negative gehört. Ohne Böses kein Gutes, zur Freiheit gehört die Unfreiheit als negative Bestimmung, zum Sein das Nichtsein, zur Identität der Unterschied, zum Endlichen das Unendliche, zum Unbedingten das Bedingte und zu allem als Drittes die Beziehung der Gegensatzpaare zueinander.
Wandschneider: ” Der dialektische Charakter des Logischen besteht also grundsätzlich in dieser Dreiheit des Positiven, des Negativen und der Beziehung beider……..Die Absolutheit des Logischen bedeutet, dass dieses, als selbstbegründend…, nicht von logikexternen Instanzen abhängig ist und in diesem Sinn aus sich selbst Bestand hat: ein fundamentales, schlechthin unhintergehbares, absolut notwendiges Sein – das Logische als das Göttliche. Nach dem Gesetz der Dialektik gehört zum Logischen aber stets auch das Nicht-Logische.”
Dieses nichtlogische, im Gegensatz zum mit sich selbst identischen Logischen, ist vereinzelt in der empirischen, räumlich und zeitlichen Natur realisiert.
Wandschneider: “Die Natur, als das Nicht-Logische, das nach dem Gesetz der Dialektik untrennbar zum Logischen hinzugehört, ist so vielmehr als ein ewiges Begleitphänomen des Logischen zu verstehen – ‘ewig’ in einem überzeitlich-logischen Sinn – oder wiederum in religiöser Redeweise: Zu Gott gehört immer auch die Erschaffung der Welt; Gott kann nicht Gott ohne Schöpfung sein.” und die Naturgesetze betreffend: “Wenn die Natur als das Nicht-Logische bestimmt ist, dann heißt das zum einen, wie gesagt, dass sie, im Unterschied zum Logischen, durch Außereinandersein charakterisiert ist. Als das ‘Nicht-Logische’ bleibt sie anderseits dialektisch an das Logische zurückgebunden, d.h. als Negation des Logischen bleibt sie auf das Logische bezogen, mit andern Worten: Die Natur erscheint wohl als das Nicht-Logische, aber ihrer Erscheinung liegt das Logische als ihr Wesen zugrunde. In der Tat gibt es so etwas wie eine Logik des Naturseins, die dessen Erscheinungsformen und Prozesse durchgängig bestimmt und deshalb auch das eigentliche Ziel wissenschaftlicher Forschung ist – die Naturgesetze.”
Der Vortrag ging noch eine Weile hin, aber Ransbach war gefesselt von den hier entwickelten Gedanken. Jedoch im Geiste hörte er schon den vielfältigen Chor: Alles Quatsch! Alles Spekulation! Wo sind die Beweise, wo die Experimente?
Ja,ja, dachte Ransbach als er den Saal verließ, es mag schon sein, daß es bessere Erklärungen gibt.
Auf solche wäre er neugierig, hat er mir im Vertrauen sagte.
1) Prof. Dr.D.Wandschneider war Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der RWTH Aachen. er ist mittlerweile emeritiert. Die Vortragsreihe ist in Buchform im Gütersloher Verlagshaus Chr. Kaiser erschienen; Hg. Sigurd Martin Daecke u. Jürgen Schnackenberg. Der Vortrag von Prof. Wandschneider steht im Netz und wird unter dem Titel “Über das Göttliche in der Natur” bei Google aufgelistet.
2) “so der so” , also katholisch, evangelisch oder auch anders

